Süddeutsche Zeitung

Netzkolumne: Neue Emojis:Kopfschüttelnder Smiley

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Diesen Herbst gibt es weniger neue Emojis als in den Vorjahren: Die Auswahl der Symbole für die digitale Kommunikation unterliegt einem strengen Verfahren.

Von Michael Moorstedt

Wir leben in Zeiten des persistenten Mangels. All die Bauteile und Betriebsstoffe, aus denen noch bis vor Kurzem die Zukunft errichtet werden sollte, gehen zur Neige, egal, ob es sich um Mikrochips, Strom oder Fachkräfte handelt.

Vor einiger Zeit wurden in einem eher unwahrscheinlichen Feld weitere Lieferschwierigkeiten bekannt. Es handelt sich um Emojis. Gerade mal 31 der Symbole, die in der gesamten Welt die Textnachrichten bevölkern, werden im September dieses Jahres der Bibliothek neu hinzugefügt. Verglichen mit dem Vorjahr (112 neue Symbole) oder gar dem Jahr 2020 (mehr als 300) kann man da schon von einem Abschwung sprechen.

Woran liegt die Knappheit? Haben wir etwa schon für alle Dinge des täglichen Bedarfs ein passendes Symbol gefunden? Seit 2010 ist die Zahl der Piktogramme von wenigen Dutzend auf mehr als 3500 gestiegen. Unter den neu hinzugekommenen Emojis finden sich übrigens die Symbole für eine Qualle, eine Ingwerknolle, eine Kehrschaufel oder eine Flöte. Was nicht nur auf den ersten Blick sehr willkürlich erscheint, folgt in Wahrheit einem komplizierten und langwierigen Auswahlprozess, der noch dazu hochpolitisch werden kann. Der Vorschlag, ein Cannabis-Blatt zum Emoji zu machen, wurde beispielsweise bereits sechs Mal in Folge abgelehnt.

Das Oxford Dictionary wählte das tränenlachende Gesicht zum "Wort des Jahres"

Welches Symbol letztlich Einzug in die Smartphonetastaturen findet, entscheidet das sogenannte Unicode Consortium. Die Non-Profit-Organisation ist besetzt mit Vertretern so gut wie aller großer Computer- und Softwarehersteller und wacht darüber, dass Zeichen auf allen Betriebssystemen einheitlich dargestellt werden. Unter anderem auch die Emojis. Die angelegten Kriterien für ein neues Symbol sind dabei gar nicht so leicht zu erfüllen. Es muss sich um ein stabiles Konzept handeln, darf nicht zu spezifisch sein oder bereits mit der Kombination anderer Zeichen ausgedrückt werden können.

Auf der Website emojitracker.com kann man die Emoji-Nutzung auf der Kurznachrichtenplattform Twitter sogar in Echtzeit beobachten. Angeführt wird die Liste der weltweit beliebtesten Symbole mit großem Abstand von einem Smiley, das Tränen lacht. Mehr als 3,5 Milliarden Mal wurde es seit Beginn der Zählung versendet. Das altehrwürdige Oxford Dictionary wählte das Symbol vor einigen Jahren gar zum "Wort des Jahres".

Spätestens zu diesem Zeitpunkt war Schluss mit lustig für konservative Sprachhüter und andere selbsternannte Wahrer der guten alten Zeit. Man möchte nicht wissen, was die wohl zu anderen Emojis sagen, die seitdem hinzugefügt wurden: Etwa der Darstellung von gleichgeschlechtlichen Familien, einem schwangeren Mann oder einer non-binären Weihnachtsperson.

Wo die diskursiven Grenzen dieser Symbole liegen, kann man vorerst noch nicht wissen

Eine unterkomplexe Kritik verkennt oft, womit wir es eigentlich zu tun haben: mit einer sich stetig entwickelnden Krypto-Sprache, deren Signifikanz sich je nach Gesprächssituation stark unterscheidet. Je nachdem, mit wem man eine Textunterhaltung führt, sind vollkommen unterschiedliche Bedeutungen möglich. In manchen Milieus wird bereits die Kombination aus Aubergine, Pfirsich und einem schief grinsenden Gesicht nicht kulinarisch, sondern als anzügliche Botschaft interpretiert.

Sehr schön zu sehen ist diese Dynamik auch auf Twitter. Dort sind die verfeindeten gesellschaftlichen Fronten zeitweilig dazu übergegangen, sich in Emoji-Form zu schmähen. Die einen versenden das Clownsgesicht, worauf die Gegenseite - einmal mehr - mit dem Tränenlach-Gesicht antwortet. Niemand nimmt den anderen ernst, alles ist lächerlich - so viel Abneigung, kommuniziert allein durch zwei gelbe Kreise.

Wo eigentlich die diskursiven Grenzen dieser Symbole liegen, ist dementsprechend noch nicht final beantwortet. Trägt das Emoji die Emotion oder andersherum? Oder sind die Zeichen durch ihre inflationäre Verwendung so oder so komplett sinnentleert? Sprachphilosophen und Semiotiker haben mit den Piktogrammen jedenfalls weiterhin eine Menge Spaß - mehr, als ihnen in fünf Jahrtausenden Schriftsprache vergönnt war.

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