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Neue CDs:Klassikkolumne

Charme und Intensität: Neue Einspielungen vom Fine Arts Quartet und von der Cappella Aquileia machen das Beethoven-Jahr zu einem Vergnügen.

Von WOLFGANG SCHREIBER

Ta-Ta-Ta-Taaa! Beethoven! Das Genie, Meister der Götterfunken, himmelstürmender Moralist - alle kennen ihn, seine Musik überrumpelte ein ganzes Jahrhundert. Aber sie lässt den grimmigen Kauz hören. Von alldem erzählt das dicke Opus-Verzeichnis, darin das tolle Abteil "Werk ohne Opuszahl" mit den WoO-Nummern für Unbekanntes: Arien, Canons, Variationen und Fugen, tönende Scherze, Raritäten. Im prallen Hess-Verzeichnis sind dann noch mehr "Nebenwerke" notiert.

Sogar Streichquartette wie das intensive Präludium mit vierstimmiger Fuge à la Bach oder ein klitzekleines Fugenfragment in d-Moll, beides vom 25-Jährigen, der noch monatelang bei dem Wiener Kontrapunktisten Albrechtsberger die Schulbank drückte. Der furiose Torso dauert nur 35 interessante Sekunden - warum wohl? Hatte Beethoven Ungeduld, Alltagsärger, war das aufschießende Thema nicht fugenaffin, verlor der junge Virtuose den Faden, weil ihn schöne Wienerinnen faszinierten? Dokumentiert ist auch eine Frühversion des tiefsinnigen Adagios von Opus 131. Im Alter schleuderte Beethoven seine tobend dissonante Große Fuge op. 133 heraus, hier gemeistert vom Fine Arts Quartet mehr mit akkurater Noblesse als Raserei (Naxos).

Ein Klavierkonzert Es-Dur des hochbegabten zwölfjährigen Bonner Knaben, WoO 4, spielen Markus Becker und das Ma'Alot Quintett in beherzter Bläser-Version. Charme besitzen auch die paar Stücke für die einst in Wien beliebte, von Mozart geschätzte mechanische "Flötenuhr", die noch der 29-jährige Beethoven gern bediente. Dagegen kommt das Bläser-Quintett op.16 des nicht mehr ganz so jungen Komponisten wuchtiger daher, orientiert sich an Mozarts gleichtönendem Wunderwerk KV 452. Becker und die Bläserfreunde statten die drei perfekt komponierten Sätze mit Rasanz und Raffinement aus, ohne dem fulminanten Zugriff die nötige Prägnanz zu opfern (Avi).

Beethovens Festspiel nach August von Kotzebues Die Ruinen von Athen op. 113 ist zu recht selten ungekürzt zu hören, die CD bietet Ersatz. Er schuf es 1811 fürs neuerbaute kaiserliche Theater in Budapest, dem Auftrag durfte er sich nicht entziehen. Den mühelosen Erfolg der paar Chor- und Orchesterstücke zwischen treuherzig rezitierter Prosa erzielte der Meister mit routinierter Energie. Nun, die Cappella Aquileia und der Chor aus Brünn unter Marcus Bosch musizieren ja noch die von Goethe inspirierte Chorkantate Meeresstille und glückliche Fahrt und das feierliche, dabei kurz angebundene Opferlied op.121b für Singstimme, Chor und Orchester. Ein Pfund: Seit der Jugend, bis ins Alter, war Beethoven von Friedrich von Matthisons Text fasziniert, der ethische Imperativ ging ihm zu Herzen: "Sei stets der Freiheit Wehr und Schild! . . . / Gib mir, als Jüngling und als Greis, / Am väterlichen Herd, o Zeus / Das Schöne zu dem Guten" (cpo).

Unter den mirakulös ungleichen 32 Klaviersonaten Beethovens gibt es Außenseiter, die neben so mulmigen Assoziationen wie "Mondschein" oder "Appassionata" wenig Chancen haben. Die Sonate Fis-Dur op. 78 taxierte der reife Komponist selbst sehr hoch - ihres intimen Charakters wegen. Schon die Widmung an jene Therese von Brunsvik, deren Schwester Josephine heiße Kandidatin für die geheime "Unsterbliche Geliebte" ist, deutet auf Beethovens figurativ kontrollierte Gefühlswallung hin. Dem wird Josef Bulva auch darum gerecht, weil er sich für die Poesie "Thereses" viel Zeit nimmt: Zeit für Schattierungen, das Rhapsodische, für Atemholen, somit klare Artikulation. Aber Bulva, Grandseigneur seines Steinway, gibt mehr: Alexander Scriabins dritte Sonate und die grandiose späte Klaviersonate seines tschechischen Landsmanns Bohuslav Martinu von 1954. Bulva bohrt sich in beide Erzählungen so willensstark hinein wie in seinen verführerisch klugen Booklet-Text (RCA/Sony).

Estland ist anders: Cyrillus Kreek heißt der bei uns wenig bekannte Komponist (1889-1962), seine chorisch überhöhten Psalmen und estnischen Volkslieder wurden in der Verklärungskirche von Tallinn aufgenommen. The Suspended Harp of Babel heißt die CD. Schlicht, feingewirkt gesungen vom Vokalensemble Vox Clamantis unter Jaan-Eik Tulve, begleitet von Harfe und der baltischen Zither, entfalten die Stücke Kraft und hymnische Tiefenschärfe. Einfachheitszauber heißt die Devise (ECM).

© SZ vom 04.08.2020

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