NS-Diktatur: Biographie Narzisstische Kränkung

Das Tagebuch erfährt es auch als Erstes, wenn er noch ein Auto, noch ein Motorboot, noch ein Haus kauft. Dankbar hält er es fest, wenn Hitler seinem Minister eine Gehaltsaufbesserung gewährt oder die Aufwandspauschale erhöht. ("Der Führer ist so großzügig und nobel.") Dabei ist Goebbels ein reicher Mann, kann er doch bereits 1936 das Tagebuch, an dem er noch schreibt, an den Parteiverleger Max Amann verkaufen und sofort einen märchenhaften Vorschuss kassieren: "Gleich 250.000 Mk und jedes Jahr laufend 100.000 Mk. Das ist sehr großzügig. Magda und ich sind glücklich."

"Davon darf nichts übrig bleiben"

Sein Pressereferent Wilfred von Oven (den Longerich konsequent als "Wilfried" verschreibt) lässt dafür seinen Meister seufzen: "Wie viel Korruption und Verkommenheit habe ich mitansehen müssen!" Longerichs "Goebbels" ist darum auch weniger Biographie als der verdienstvolle Digest eines monströs mitteilsamen Lebens, das sich leider nicht in den abertausend Seiten Tagebuch erschöpfte.

Longerichs Goebbels scheint kein Leben außerhalb des Tagebuchs zu führen; die Zeitgenossen sind wie weggekürzt. Carl von Ossietzky, der ihn noch im Januar 1933 in der Weltbühne eine "hysterische Käsemilbe" nannte, gibt es nur als Opfer der Bücherverbrennung. Zeitgenössischer Spott wie Tucholskys "Du bist mit irgendwat zu kurz gekomm./ Nu rächste dir, nu lechste los" spielt ebenso wenig eine Rolle wie die Auseinandersetzung mit dem Großschriftsteller Emil Ludwig (dem Longerich mit dem Namen anführt, den ihm die Bücherverbrenner gaben: "Emil Ludwig Cohn"). "Diese Judenpest muß ausradiert werden", fordert Goebbels 1936, aber wen meint er, wer soll es tun? "Davon darf nichts übrig bleiben."

Ausradieren: Eine bessere Metapher findet sich kaum für das Dauerressentiment des erfolglosen Schriftstellers. Goebbels schreibt gegen den weltbekannten Autor an, schreibt so viel, dass es nicht mehr wegzuradieren ist, schließlich lässt er es tippen von einem Sekretärinnengeschwader, lässt es zum Ende hin auf Glasplatten ziehen, für die Nachwelt in einem Blechsarg verbuddeln - aber erst nachdem er versucht hat, auch noch die englischen Städte auszuradieren.

Longerich fällt als Erklärung für den ehrgeizigen Goebbels nur die "narzisstische Kränkung" ein. In seiner mit literarischer Verve geschriebenen Biographie gab Heiber vor beinah fünfzig Jahren den Hinweis, dass Goebbels fast fünfzig Artikel unverlangt an das Berliner Tageblatt Theodor Wolffs einsandte und trotzdem nicht gedruckt wurde. So waren die Juden für Goebbels - schuld an seinem Unglück, immer wieder. Darum sollten sie endgültig verschwinden. Und Hitler musste ihn retten, das "größte geschichtliche Genie, das in unserer Zeit lebt".

Der Erlöser entsann sich seiner dann doch und lud ihn ein zum letzten Abendmahl im Bunker.