Neue Biographie über Édith Piaf Am Hofe der Piaf

Jens Rosteck beleuchtet (mithilfe des Augenzeugenberichtes des französischen Journalisten Noli) das stickige, verdunkeltes Wohnzimmer der Piaf, in dem viele Bittsteller, unter anderem ihre Stammkomponistin oder der Direktor des Olympia-Theaters, stundenlang auf sie warten. Und irgendwann erscheint die missgestimmte Diva zur Audienz, in fleckigem Morgenmantel und ausgetretenen Pantoffeln.

Der Gewährsmann, der das so hellsichtig aufschreibt, verfällt später selber dem Charisma der Piaf, wird zu ihrem Hofberichtschreiber bei der Zeitung France Dimanche und Jahre später ihre Lebenserinnerungen dichten.

Mit kritischer Distanz beschreibt und analysiert Jens Rosteck auch die bedrückenden Aspekte dieses ambivalenten Charakters. Mit ihren Launen und sadistischen Späßen erschreckte und tyrannisierte Édith Piaf ihren Hofstaat - viele lebten auch in ihrem Haus - oder steckte alle an mit plötzlich aufflammender Fröhlichkeit. Ihre Gelage in der luxuriösen 20-Zimmer-Villa am Cap Ferrat an der Cote d'Azur sind legendär. Die zahllosen gebetenen und ungebetenen Gäste werden rund um die Uhr bewirtet.

In der Missgunst einer Diva

Wenn sie dagegen jemand aus dem Haus warf - und solche "Todesurteile", so Rosteck, waren an der Tagesordnung -, sprach sie sogar ein absolutes Kontaktverbot zu ihrem Clan aus. Dies widerfuhr ihrem devoten Privatsekretär Claude Figus, der wie ein ergebener Pudel den Zugang zu ihrem Reich bewachte. Übrigens wohl nicht sorgfältig genug, denn irgendwann bringt er einen seiner Liebhaber ins Haus, einen griechischen Friseur mit Hang zum Gesang.

Die Piaf verliebt sich in ihn und wird den verträumten, etwas linkischen jungen Mann unter dem Künstlernamen Théo Sarapo energisch fördern oder, mit Rostecks Worten, nach Strich und Faden pygmalionisieren. Mit Ende vierzig heiratet sie den zwanzig Jahre jüngeren Théo. Und Figus wird sich umbringen. Zwischen ihm und der Piaf flammten noch Jahre nach ihrem Kontaktverbot Verbitterung und Hass, dessen Feuer von der Boulevardpresse immer wieder angefacht wurde.

Und auch ihre langjährige Stammkomponistin Marguerite Monnot, in guten Zeiten von der Piaf zärtlich "La Guite" genannt, verlor ihre Gunst, nicht so plötzlich wie Figus, aber peu à peu. Dabei war sie eine so begabte wie liebenswürdige Künstlerin, die für sie 25 Jahre lang viele erfolgreiche Chansons komponiert hatte, unter anderem "Mon légionnaire" und "Hymne à l'amour".

Die Despotin vom Boulevard Lannes

Mit ihrer Sanftheit war sie ein gutes Gegengewicht zur ruppigen Piaf. Als Kind war diese auf der Straße aufgewachsen, herumgestoßen, geschlagen und immer hungrig. Vielleicht erklärt das die seelische Grausamkeit, mit der sie langjährige Freunde und Mitarbeiter hinauswirft - wobei die berufliche und die private Sphäre in ihrem Leben nicht zu trennen sind.

"Erdgeist, Heuschrecke, Nachtigall. Die Despotin vom Boulevard Lannes" hat der Autor dieses düstere Kapitel der frühen Sechzigerjahre im Leben der Piaf genannt. Schon die bildhaften Überschriften verführen zur Lektüre. Rosteck schreibt präzise und elegant und gewinnt den Leser mit seiner feinen Ironie und seinem Scharfsinn. Er urteilt, aber verurteilt nicht. Auch sein umfangreiches Literaturverzeichnis, der kritische Umgang mit den Quellen und die so aufschlussreichen wie vergnüglich zu lesenden Anmerkungen zeugen von umsichtiger Recherche.

Kritischer Blick auf ein Groschenroman-Leben

Wenn die Quellen unzuverlässig zu werden drohen - beispielsweise ähneln die von Noli verfassten "Lebenserinnerungen" der Piaf eher Groschenheftromanen, besonders was ihre Kindheit angeht - überprüft er die Texte auf ihre Schnittmenge und wählt nur die Begebenheiten, die in allen Quellen vorkommen. Einzig die Schwarz-weiß-Fotos des ansprechend gestalteten Buches enttäuschen, denn sie sind zu klein, um Wirkung entfalten zu können.

An jedes Kapitel schließt sich eine Analyse über eins, manchmal zwei ihrer Lieder. Auf das Kapitel über die despotische Heuschrecke folgen beispielsweise "Milord", das ihr George Moustaki geschrieben hat, und das Lied, mit dem sie nach ihrem Tod am meisten identifiziert werden wird: "Non, je ne regrette rien".

Es sind dies brillant formulierte Essays von hohem musikalischen Sachverstand, die bis in feinste Nuancen Melodie und Sprache nachspüren und beispielsweise zeigen, wie die Nasale des "Non, je ne regrette rien" das emotionale Pathos phonetisch unterstützen. Und manchmal erreicht er das, was sich so mancher Feuilletonist erträumt: dass es gelingt, mit den eigenen Worten ein Kunstwerk nachzuerschaffen.