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Neue Alben von "Nine Inch Nails":Im tiefsten Höllenkreis

Nine Inch Nails Press picture

Die Kunst, dem Geräusch eine Form abzugewinnen: Trent Reznor (re.) und Atticus Ross sind "Nine Inch Nails".

(Foto: Corinne Schiavone 2018)

Was die beiden neuen Alben des Ambient-Industrial-Projekts "Nine Inch Nails" über unsere Haltung zur Krise verraten

Von Juliane Liebert

Es wird ja oft gesagt, wenn man zwei oder drei Ambient-Alben kenne, kenne man eigentlich alle. In gewisser Weise bestätigen das auch die beiden neuen Alben der Nine Inch Nails, "Ghosts V" und "Ghosts VI". Der erste Track auf Ghosts V "Letting Go While Holding On", klingt mit seinen für NIN-Verhältnisse lichten Klavierakkorden sogar sehr nach Brian Enos "Music for Airports". Nur mit Drone unterlegt und einigen Mikroschleifen aus perlendem Piano angereichert. "Ghosts V" und "VI" sind zweifellos deutlich flächiger, schwebender als ihre Vorgänger "I-IV" von 2008. Damals hatte sich die Band Brian Viglione von den Dresden Dolls als Schlagzeuger eingeladen. Auf den neuen Alben sind nur selten Beats.

Trent Reznor und Atticus Ross sind seit einigen Jahren auch als Filmmusikkomponisten gut im Geschäft, durch ihre neue Musik bewegt man sich allerdings eher wie durch einen extrem detailliert gestalteten Hintergrund eines Computerspiels.

Auf den früheren Instrumentalalben hatten sie die Tracks schlicht durchnummeriert. Diesmal haben die Kompositionen Titel, die jeweils das Assoziationsfeld andeuten. Auch die Alben sind mit Untertiteln versehen: "V" heißt auch "Together" und ist das ruhigere, nachdenklichere Album, während "VI - Locusts" nervöser ist, rhythmischer, ein Schwarm von Neuronen. Ein im Dreiertakt gehaltener Song nennt sich dort "Worriment Waltz". Und "Run Like Hell" klingt genau so, wie es heißt.

Trotz der expressiven Titel sollte man das Projekt aber nicht als Programmmusik verstehen, sondern sie eher an Beethovens Anweisung zu seiner "Pastorale"-Sinfonie orientiert hören: mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei. Reznor und Ross transponieren die Empfindungen in die Klangwelt von NIN. Deren typische Charakteristika - wie die unwiderstehlichen Piano-Melodien - sogar die Abgründe der Selbstzerstörung sexy klingen lassen, in denen selbst im tiefsten Höllenkreis noch die Hoffnung auf Erlösung mitschwingt.

Als Komponist ist der Mann ja längst viel interessanter als als Schmerzensmann

Die Handschrift der Band zeigt auch, warum also der Vorwurf, dass man alle Ambient-Alben kenne, wenn man drei kenne, zwar zutrifft, aber dem Genre trotzdem nicht gerecht wird. Weil es dort, wo sich die klassischen Songstrukturen auflösen, umso mehr auf die Sensibilität ankommt, dem Geräusch eine Form abzugewinnen.

Darin war Trent Reznor immer ein Meister. Sowohl was die physische Präsenz von Klangmomenten aus Softwareinstrumenten betrifft, als auch indem er selbst weiten Klangfeldern eine Struktur geben kann. Zum Star geworden ist Reznor immerhin mit brachialem Industrial, der damals die elektronische, düsterere Antwort auf Grunge zu sein schien. Er strahlte massive Virilität aus, aber legte zugleich schonungslos innere Abgründe offen. Das Zeitgeist-Momentum hat seine Musik nicht mehr, das schadet ihr aber nicht. Denn ohne den Hype - wenn die Aufladung des Werks mit dem Lebensgefühl der seelischen Beschädigung zurück tritt - wird nur umso deutlicher, dass Reznors Fähigkeiten als Komponist eigentlich mindestens so interessant sind wie seine Inszenierung als Schmerzensmann. Natürlich liegt es nahe, aus dem Verhängnis, das in dieser Musik oft mitzutönen scheint, die aktuelle Krise herauszuhören. Alle suchen gerade nach Kunstzur Stunde. Dass im Pop das Spektrum dabei aber von Dua Lipa bis NIN reicht, zeigt auch, wie wenig solche Projektionen über ihre Gegenstände aussagen.

Umgekehrt wird eher eine Erkenntnis draus: Welchen Einfluss hat eigentlich unsere Prägung durch (Horror-)Film-Musik, düsteren Pop und apokalyptische Fiktionen in Literatur, Kino und Computerspielen auf die derzeitige Haltung zur realen Krise? Ist es nicht zu einer Art lustvollen Spiel geworden, die Realität nach den Formen, die uns unsere kulturelle Erfahrung diktiert, in dystopisches Licht zu tauchen? Ein Spiel, das nur so lange genug Spieler findet, wie es noch genug Menschen gibt, die unter vergleichsweise komfortablem Bedingungen zu Hause sitzen und sich ihren Fantasien widmen können.

Aber zugegeben, für solche Fantasien eignet sich "Ghosts" ausgezeichnet. Da! Ein vereinzeltes, sehr trauriges Klavier. Eine Melodie schleicht eilig heran, durch Hinterräume. Das Ticken einer verfluchten Uhr.

© SZ vom 24.04.2020
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