Neu im Kino: Will Smith in "I am Legend" Der schlimmste aller Albträume

Die Katastrophe ist hausgemacht, unsere Verbrechen an der Natur leben weiter: Der brillante Thriller "I am Legend" ist die bisher furchterregendste Version eines Endzeit-Dramas.

Von Tobias Kniebe

Der Morgen nach dem Ende der Menschheit ist wunderbar. Du trittst vor die Haustür am Washington Square, herrliche Ruhe empfängt dich. Die Hektik, die Massen, der Konsumterror - verschwunden. Die Busse, die Polizeiwagen, die Blechlawinen auf den Straßen - alles steht.

Sie nehmen den Tod durchaus persönlich

Kein Mensch, nirgends, doch die Stadt zeigt sich fast wie immer. Zumindest, wenn man die zerplatzten Scheiben und Einschusslöcher übersieht, das frische Grün, das durch Risse im Asphalt bricht, die zerfetzten Stümpfe der Brooklyn Bridge, die amputiert in den Himmel ragen. Das alles gehört nun dir.

Robert Neville (Will Smith) lebt diesen Traum, der natürlich der schlimmste aller Albträume ist. In "I am Legend" ist er - soweit er das beurteilen kann - der letzte Mensch in New York, vielleicht sogar auf Erden. Fast tausend Tage hält er schon durch, nach dem Wüten der großen Pandemie, die den Rest der Menschheit hinweggefegt hat.

Einst war er ein Virusforscher im Dienst des Militärs, der letzte, der Hoffnung auf Heilung versprach. Jetzt haust er, auf rätselhafte Weise immun, mit seinem Hund in Manhattan. Pausenlos sendet er Radiobotschaften aus, und jeden Tag wartet er am South Street Seaport auf mögliche Überlebende, die seine Nachricht gehört haben könnten. Ansonsten macht er, was man eben so macht als letzter Mensch: Filme schauen, quer durch die Videothek an der Ecke, Konservendosen suchen, die noch essbar sind, sich fit halten - und weiter nach dem Serum forschen, das die Katastrophe einst hätte verhindern sollen.

Erst nachts, wenn er sich hinter Stahlgittern verbarrikadiert und draußen ein schreckliches Geheul anhebt, wird klar: So ganz allein ist er nicht.

Schuld und Strafe

Eine alte Science-Fiction-Phantasie, aktualisiert für eine apokalyptisch gestimmte Gegenwart. Die Buchvorlage von Richard Matheson stammt aus den Fünfzigerjahren, sie hat schon zwei Verfilmungen erlebt und unzählige Nachahmer inspiriert. Von Anfang an ging es dabei um Hoffnung und Hybris, um Schuld und Strafe - denn die Katastrophe ist menschengemacht.

Gott, der bei früheren Apokalypsen noch selbst am Schalthebel saß, schüttelt hier nur noch stumm den Kopf. Das Ende in Schrecken, das in der Offenbarung des Johannes noch alle Tränen trocknet und alle Schmerzen heilt, verwandelt sich in einen Schrecken ohne Ende. Denn unsere Verbrechen an der Natur leben weiter - als Vampire, Untote oder Zombies. Die Spezies Mensch mag verloren sein - aber lockerlassen können wir deshalb noch lange nicht.

Auch Robert Neville muss kämpfen, gegen die "Darkseeker". Das Virus des Untergangs hat nicht nur Milliarden Tote, sondern auch ein paar Hunderttausend Halbtote produziert, die nun das Licht scheuen müssen, wie Vampire, und Menschenfleisch fressen, wie Zombies - immer darauf aus, auch den letzten Gesunden noch in einen der ihren zu verwandeln. Tagsüber hausen sie in dunklen Ruinen, nachts rasen sie blutrünstig durch die Stadt.

Robert Neville betrachtet sie mit wissenschaftlicher Distanz. Ab und zu fängt er ein Exemplar in einer Falle und injiziert ihm das Serum, an dem er arbeitet. Er meint es gut, er will sie in Menschen zurückverwandeln, aber sie sterben dabei genauso wie seine Versuchsratten. Was sie durchaus persönlich nehmen - der Tag ihrer Rache wird kommen.

Die Frage ist, was solche Untergangsphantasien gerade so aktuell und kassenträchtig macht. "I am Legend" ist schon jetzt einer von Will Smiths größten Erfolgen - aber auch Danny Boyles "28 Days Later", die englische Variante aus dem Jahr 2002, die im ausgestorbenen London beginnt, wurde ein unerwarteter Hit. Bei Richard Matheson in den Fünfzigerjahren war es nukleare Strahlung, die ein Bakterium mutieren ließ und die Menschheit in klassische Vampire verwandelt hat. Vincent Price spielte den Vampirjäger in der ersten Verfilmung: "The Last Man On Earth" (1964) - ein grummelig-gemütlicher Killer.

Wenn alles zu spät ist

Im Jahr 1971 war es schon ein Biowaffen-Krieg, der die tödliche Seuche ausbrechen ließ. Als "Omega Man" fuhr Charlton Heston damals im Ford Mustang durch ein leeres Los Angeles, seine untoten Gegner aber nannten sich "The Family", wie der Clan des gerade verurteilten Charles Manson. Und immer spielt auch die Erkenntnis mit, dass die Maßnahmen zur Eindämmung der Seuche am Ende genauso tödlich sind wie das Virus selbst.

In dieser Tradition gesehen, bietet "I am Legend" die bisher furchterregendste Vision. Hier werden keine Massenvernichtungswaffen konstruiert, hier beginnt alles mit den besten Absichten. Emma Thompson spielt die Frau, die ankündigt, Krebs für immer geheilt zu haben - mit Hilfe gentechnischer Manipulationen. Die Frage, ob dies der endgültige Sieg über die Krankheit sei, kann sie trotz englischer Zurückhaltung bejahen, nicht ohne dabei ein wenig zu erröten. So skrupulös und bescheiden wünscht man sich doch die moderne Wissenschaft. Aber dann ein Schnitt - und die komplette Spezies ist trotzdem ausgelöscht.

Diese fundamentale Skepsis und die Ernsthaftigkeit, mit der Will Smith und der Regisseur Francis Lawrence das Schreckensszenario zu Ende führen, heben den Film über das Genre - und die hektische Dummheit des üblichen Hollywood-Actionmaterials - weit hinaus. Auch dieser Robert Neville wird dem Druck des Alleinseins nicht standhalten; er wird, als alles eigentlich schon zu spät ist, eine Frau und ein Kind treffen, die er retten will, und ihnen doch nicht mehr mitgeben können als ein Glasröhrchen, das vielleicht den Schlüssel zur Heilung enthält. Der Forscher, dessen Logik das alte Leben zerstört hat - in der Welt nach der Apokalypse kann er keinen Platz mehr für sich beanspruchen.

Dass es gerade das Licht ist, das die Lebenden gegen die Untoten schützt und die Horden der Dunkelheit im Zaum hält, hat eine eigenwillige Poesie. Licht ist auch die originäre Waffe des Kinos, das nimmt der Film beim Wort - und wehe dem Helden, der von der Dunkelheit überrascht wird.

Einmal gelingt Francis Lawrence eine unvergessliche Szene: Neville, schwer verwundet, schleppt sich auf der Park Avenue seinem rettenden Fahrzeug entgegen, während hinter ihm die mutierten Höllenhunde jaulen. Zurückgehalten werden sie von nichts als einem schmalen Lichtstreif, den sie nicht überwinden können, der gerade noch so zwischen den Hochhäusern hindurch auf das Pflaster scheint. Er wird schwach und schwächer und erlischt schließlich ganz - ein Symbol für die Hoffnung, die es in dieser düsteren Eschatologie des Kinos nicht mehr geben kann.

I AM LEGEND. USA 2007 - Regie: Francis Lawrence. Drehbuch: Mark Protosevich, Akiva Goldsman. Kamera: Andrew Lesnie. Schnitt: Wayne Wahrman. Musik: James Newton Howard. Mit Will Smith, Alice Braga, Dash Mihok, Charlie Tahan. Warner, 101 Minuten.