Süddeutsche Zeitung

Neu im Kino: "Prestige":Die Magie der Macht

Nach "Memento" und "Batman Begins" lässt Christopher Nolan, Meister der Täuschung, in "Prestige" nun zwei fanatische Zauberkünstler gegeneinander antreten.

Wer dem Kino gelegentlich seine billigen Tricks vorwirft, hinter der glitzernden Fassade gern die Substanz vermisst, die Gesetze von Natur und Wahrscheinlichkeit auch auf der Leinwand respektiert sehen will - der sollte vor diesem Film eher gewarnt werden.

Hier geht es um Zauberei im klassischen, handgemachten, altmodischen Sinn. Hier leben die Vaudeville-Künste des viktorianischen Zeitalters wieder auf, die bombastische Ankündigung, die Eleganz des Bühnenauftritts, die Mechanik der selbstgebastelten Illusionsmaschinerie, die augenzwinkernde Komplizenschaft mit dem Publikum: Ihr wollt an der Nase herumgeführt, getäuscht und betrogen werden? Bitte schön!

Wer in diese Wunderwelt der Illusionen hinabsteigt, der darf sich natürlich auch selbst ein paar Tricks erlauben - und Dinge behaupten, die sich am Ende nicht ganz halten lassen. Der Film "Prestige - Meister der Magie" verspricht zum Beispiel große psychologische Ernsthaftigkeit. Aber auch das könnte nur ein großangelegtes Täuschungsmanöver sein.

Besessene Männer, frappierende Effekte

Brütende, grüblerische Intensität, besessene Männer, die von ihren Dämonen gehetzt werden, und gleichzeitig ein Hang zum zugespitzten Showeffekt, diese Kombination kennzeichnet die Filme von Christopher Nolan - von seinem Durchbruch mit dem frappierend verschachtelten Rache-Thriller "Memento" bis hin zu seiner letzten, millionenschweren Studioproduktion "Batman Begins". Nolan, Jahrgang 1970, hat eine amerikanische Mutter und einen britischen Vater, das erklärt diese Polarität eigentlich schon perfekt.

Und es ist sicher kein Zufall, dass auch die beiden Helden seines neuen Films, die rivalisierenden Magier Angier und Borden, diese Herkunft widerspiegeln. Angier, gespielt von Hugh Jackman, ist Amerikaner, ein geborener Showman und Star auf jeder Bühne. Borden, der düstere Engländer, gespielt von Christian Bale, kann da nicht mithalten - aber er ist der bessere Techniker, lange Zeit überlegen in der Perfektion seiner Tricks. Sie beginnen im London der Jahrhundertwende als Assistenten des erfahrenen Illusionisten Cutter (Michael Caine) - aber ein tödlicher Bühnenunfall macht sie schnell zu ewigen Feinden.

Wettrüsten der Zauberer

So nimmt eine Art Wettrüsten seinen Lauf, um immer neue, immer gewagtere Tricks - und um die Gunst des Publikums, das beide Magier bald als Stars feiert. Angier und Borden arbeiten mit allen Mitteln: schleichen sich verkleidet in die Shows des Gegners, um dessen Tricks auszuspähen und notfalls zu zerstören, kopieren dreist die erfolgreichsten Nummern, schicken eine Assistentin namens Olivia (Scarlett Johansson) als Agentin ins feindliche Lager, wohl wissend, dass diese schnell zur Doppelagentin werden könnte.

Besonders eine Illusion, bei der Borden sich scheinbar durch Starkstrom in Sekundenschnelle entmaterialisiert und am anderen Ende der Bühne wieder Gestalt annimmt, treibt Angier fast zur Verzweiflung. Er kopiert die Sache mit einem Doppelgänger, aber der neigt zur Trunksucht und erkennt bald, vom Gegner angestachelt, dass er seinen Arbeitgeber erpressen kann. So wird der Film zu einer Studie der fortschreitenden Obsessionen, zu einem Doppelporträt über zwei Männer, die alles opfern würden, um den anderen zu besiegen: die Liebe, die Familie, ihre Gesundheit und selbstverständlich auch ihr Seelenheil.

Wendung ins Phantastische

Schließlich reist Angier, der sich nicht mehr anders zu helfen weiß, in die USA zum berühmten Erfinder Nicola Tesla, der in den Rocky Mountains ein Geheimlabor betreibt, wunderbar verkörpert von David Bowie. Diese historische Figur, der Erfinder des Wechselstrom-Netzes, Entdecker zahlreicher elektrischer und elektromagnetischer Gesetzmäßigkeiten und ein Hauptkonkurrent von Thomas Edison, stand schon zu Lebzeiten auch im Ruch esoterischer und spiritistischer Forschungen an der Grenze zur Magie.

So fügt er sich perfekt in diesen Film ein und gibt ihm eine dramatische, wenn auch nicht ganz koschere Wendung ins Phantastische. Borden und Angier, das erkennt man im dritten Akt, sind nicht die Einzigen, die sich dem Zwang permanenter Selbstüberbietung unterworfen haben: Christopher Nolan, der gemeinsam mit seinem Bruder Jonathan das Drehbuch geschrieben hat, will der eigentliche Sieger im Rennen um den größten Wow-Effekt bleiben - und den finalen Trumpf natürlich selbst ausspielen.

Dass er dabei mit leicht gezinkten Karten spielt und erst in letzter Minute die grundlegenden Regeln ändert, mag ihm in diesem Fall allerdings nachgesehen werden: Wer so überzeugend seine Liebe zum Geschäft mit der Illusion erklärt, der hat sich auch das Recht auf seine Finten erarbeitet.

THE PRESTIGE, USA/GB 2006 - Regie: Christopher Nolan. Buch: Christopher und Jonathan Nolan. Nach dem Roman von Christopher Priest. Kamera: Wally Pfister. Schnitt: Lee Smith. Musik: David Julyan. Mit: Hugh Jackman, Christian Bale, Michael Caine, Scarlett Johansson, David Bowie, Rebecca Hall, Piper Perabo. Warner Brothers, 128 Minuten.

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Quelle:
Süddeutsche Zeitung vom 4.1.2007
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