Neu im Kino: "No Country for Old Men" Das Böse und das Bolzenschussgerät

Der Abräumer der Oscar-Nacht: Mit "No Country for Old Men" verfilmen die Coen-Brüder die Geschichte der Zivilisation. Bösartig, bildgewaltig und erschreckend witzig.

Von Tobias Kniebe

Die Worte des Sheriffs sind klar genug. Er erzählt von einem Jungen, der sein Mädchen getötet hat, ohne Grund und ohne Reue, der auf dem elektrischen Stuhl noch erklärte, er würde es wieder tun.

Unaufhaltsam nähert sich der fahle Reiter seinen Zielen.

(Foto: Foto: ap)

Er erzählt von seinen Vätern und Vorvätern, Männer des Gesetzes wie er, in West Texas, am Rio Grande, nahe der mexikanischen Grenze. Er erzählt von den alten Zeiten, wo die Sheriffs nicht einmal eine Waffe trugen, schwer zu glauben heute. Die Stimme klingt vertraut, eingeschliffen im Slang der Provinz. Die Referenzen - der junge Jim, nicht der alte, drüben in Comanche County - sind familiär, das Terrain überschaubar. Das Land und die Menschen. Das Verbrechen, damals und heute.

Nur: Die Bilder, die man dazu sieht, erzählen schon etwas ganz anderes. Eine viel größere Geschichte. Die Sonne geht auf, sie beleuchtet die Erde, und die Erde ist wüst und leer. Dann eine Windmühle, ein Zaun, ein Highway, ein Polizeiwagen. Ein Mann wird verhaftet. In wenigen kargen Einstellungen: Die Geschichte der Zivilisation. In die nun etwas Anderes, Unvertrautes, nicht mehr Fassbares einbrechen wird.

Es spielt keine Rolle, wie du diesem Anderen gegenübertrittst. Hochmütig oder bescheiden. Einen Tick zu neugierig, einen Hauch zu arrogant - oder, wie es sich gehört, völlig auf deinen eigenen Kram konzentriert. Wenn du diesem Anderen in den Quere kommst, und sei es nur, weil du ein Auto auf dem Highway fährst, das ihm nützlich sein könnte, wirst du sterben. Niemand auf dieser Welt, mit dem das Andere noch eine Rechnung offen hatte, der ihm eines Tages dumm kam, der einmal ein freches, respektloses oder allzu vertrauliches Wort an seine Adresse gerichtet hat, lebt. Das ist sein Prinzip.

Erschreckend lustig

Der Hilfssheriff, der das Andere in Handschellen legt und in die Ecke setzt und sich dann von ihm abwendet, um zu telefonieren, ist ein toter Hilfssheriff. Gestorben nach kurzer verzweifelter Agonie, eine Handschellenkette um die Kehle gewickelt. Das Andere aber lässt kaltes Wasser über seine blutigen Handgelenke laufen, nimmt seinen Druckluftzylinder und sein Druckluft-Rinderschlachtungs-Bolzenschussgerät und setzt seinen Weg fort.

Noch sind es gar nicht die Coen-Brüder, die hier erzählen. Es ist sogar ziemlich schwer zu sagen, ob sie in "No Country for Old Men" überhaupt selbst etwas sagen wollen. Die Stimme des Sheriffs, die Beschwörung der texanischen Landschaft, der Einbruch des Unfassbaren, die kurze drastische Gewaltszene, mit der alles beginnt: Das ist alles der Schriftsteller Cormac McCarthy.

Man braucht hier nicht noch einmal das Lied seiner Größe zu singen, wie Harold Bloom, der ihn zu den vier Titanen der amerikanischen Gegenwartsliteratur zählt, neben Pynchon, DeLillo und Philip Roth. Auch die ewigen Vergleiche mit Faulkner oder Melville sind unnötig. Was man aber sagen muss, und was mit diesem Film erst klar wird, ist dies: Dass es wohl keinen anderen Schreiber gibt, dessen Worte und Szenen das Kino schon so vollkommen in sich tragen.

Es gibt Dialoge in diesem Film, das sind die besten, schärfsten, erschreckendsten und zugleich lustigsten Wortwechsel, die man seit Ewigkeiten von der Leinwand herab gehört hat. Sie stammen, Wort für Wort, bis ins Timing der Schauspieler hinein, aus dem Roman. Die Coens lassen hier eine Wiederholung weg, dort eine Erklärung - und dann finden sie ein Bild, das einen ganzen Absatz mühelos ersetzt. Das ist ihre Meisterschaft. Wenn es überhaupt eine Literaturverfilmung gibt, die ihre Vorlage durch Verdichtung noch verbessert, ist es wohl diese hier.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie es sich anfühlt, seinem Schicksal gegenüberzutreten.