Neu im Kino: "Love":Großer Romantiker - perverser Hedonist

Und warum dreht man ein solches Liebeskummermelodram mit reichlich Körperflüssigkeiten in 3-D? "Weil das große Intimität schafft, was man oft vergisst, weil diese Technik vor allem in Actionfilmen verwendet wird. Das Schöne an 3-D ist, dass es die Dinge gleichzeitig realer und surrealer macht - und genau das war mir wichtig für diesen Film." Trotzdem stellt sich bei "Love" die Frage, wer hier eigentlich wessen Erwartungen befriedigen will. Denn auch wenn der Regisseur die Geschichte diesmal nicht in der Tradition seines bisherigen Provokationskosmos sieht, wird der Film seit Cannes natürlich so verkauft: als 3D-Porno vom versauten Gaspar Noé.

Das hilft ihm selbst bei der Finanzierung und Vermarktung seiner Projekte, und die Kritiker in Cannes haben jenseits des soundsovielten Sozialdramas wieder etwas, womit sie ihre Redakteure daheim anfixen können. So urteilte zum Beispiel ein französischer Kritiker nach der Uraufführung, dieser Film sei kein Film, sondern mehr ein gebrauchtes Kondom. Dazu sagt der Gescholtene grinsend: "Wissen Sie, ich sammle solche Kritiken mittlerweile. Das ist wie eine kalte Dusche am Morgen: Der Wasserschwall selbst ist furchtbar, aber danach fühlst du dich großartig."

Noé präsentiert sich gern als etwas schizophrene Mischung aus großem Romantiker und perversem Hedonisten, der einerseits leidenschaftlich über die Emotionsschluchten sprechen kann, in die einen Beziehungen stürzen können. Um dann andererseits wieder den harten Kerl zu geben, der stets freudig seine Drogenkarriere auflistet wie einen beeindruckenden Lebenslauf - begonnen mit süffigen Sangria-Orgien im Alter von 13 Jahren.

Zu müde, zu betrunken - in Cannes ist er bei der Premiere eingeschlafen

Diesen widersprüchlichen Persönlichkeitsmix aus kompromissloser Konfrontation mit den eigenen Gefühlen und dem wilden Drang zur Realitätsflucht hat er noch auf keinen Film so pointiert übertragen wie jetzt auf "Love". In manchen Momenten taucht er seine Darsteller in das milde, wilde, romantische Licht, das man aus den alten Paris-Filmen der Sechziger kennt, von hoffnungslosen Romantikern wie François Truffaut. Nur um seine Liebenden dann gleich wieder im eigenen Erbrochenen aufwachen zu lassen, mit einem ordentlich misanthropischen Kater. Ein Teufelsritt, der natürlich besonders gut in der Kunstform Kino gelingt, wie er sagt: "Die Sprache des Kinos ist auf Manipulation angelegt. Allein der Filmschnitt ist eine irre Rekonstruktion der Realität; Film ist immer ein künstliches Gebilde, egal ob fiktiv oder dokumentarisch."

Zu dieser Noé'schen Rekonstruktion der Realität gehört auch ein ruheloses Arbeitstempo unter Extrembedingungen: "Ich hatte dem Cannes-Chef Thierry Frémaux einen Rohschnitt des Films gezeigt, und er sagte sofort: Du bist dabei. Dann hatte ich nur noch ein paar Wochen für die gesamte Postproduktion, in denen ich nicht mehr als zwei, drei Stunden pro Nacht geschlafen habe, um rechtzeitig zum Festival fertig zu werden. Der Film hatte in einer der berühmten Mitternachtsvorstellungen Premiere - und als die Lichter ausgingen, bin ich sofort eingeschlafen, weil ich so müde und betrunken war."

Obwohl für seine Verhältnisse dann vergleichsweise wenige Menschen den Saal verließen, macht ihm nun Sorgen, dass ausgerechnet "Love" in manchen Ländern auf dem Index gelandet ist. "Zum Beispiel in Russland wurde er verboten. Das ist komplett irre, weil mein Film ,Irreversibel' auch Sexszenen hatte, aber von Gewalt und nicht von Liebe erzählte - und der wurde nicht verboten." Genauso sei es mit der Altersbegrenzung: "Der Gewaltfilm ,Irreversibel' war in diversen Ländern ab 16 freigegeben, der Liebesfilm ,Love' bekommt fast überall die Einstufung ab 18. Das gibt mir zu denken." Spricht's und springt auf, um stolz sein "Easy Rider"-Poster herzuzeigen, das er schwer verkatert am Vormittag gekauft hat.

© SZ vom 26.11.2015/doer
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB