Neu im Kino: "Jugend ohne Jugend" Die Pracht des Wahnsinns

Seit zehn Jahren hat Francis Ford Coppola keinen Film mehr gemacht. Nun entführt er uns in eine Geschichte über das Altern - und das Verjüngen. Alexandra Maria Lara, verirrt in Obsessionen, Zeit und Raum.

Von Doris Kuhn

Altwerden ist die Hölle. Egal, was im Kino gerade für eine Begeisterung über die tollen Seiten des Alters tobt, es macht weder Spaß noch macht es Freude, und schon gar nicht sind mehr alle Möglichkeiten offen, so wie sie das einmal waren, als man noch weniger Entscheidungen getroffen hatte im Leben.

Lara spielt Laura in Francis Ford Coppolas neuem Film "Jugend ohne Jugend".

(Foto: Foto: ddp)

Was das Alter allerdings versüßt, so heißt es, sei das Alterswerk. Hier herrsche plötzlich eine Handlungsfreiheit, die man in jungen Jahren nicht kenne. Ohne Furcht oder Zurückhaltung könne man endlich das verwirklichen, was man sich früher nicht zugetraut hätte. Gerade Filmregisseure werden dafür gerühmt, wie sie profitieren von dieser Freiheit des Alterswerks, als hätten sie in dem, was sie bis dahin gemacht haben, ihr Talent nie richtig zeigen können.

In diesem Fall allerdings geht es um den Filmregisseur Francis Ford Coppola. Und wenn es jemanden gibt, der sich jede Freiheit zu jeder Zeit herausgenommen hat, dann ihn. Allein sein "Apocalypse Now"-Handstreich reicht für Jahre der Bewunderung, was befreites Filmemachen angeht.

Missachtung der Vernunft

Niemals wieder wird die amerikanische Filmindustrie soviel Geld dafür zahlen, dass jemand zeigt, wie die irren Marines am Strand von Vietnam mit bergeweise Kriegsmaschinerie rumalbern und den Tag zu ihrem Freund machen. Werke wie dieses sind nur möglich unter strikter Missachtung all jener, die sich aus Vernunftgründen einmischen wollen. Das heißt also, dass Francis Ford Coppola auch mit vierzig schon ziemlich befreit war und dass seine Filme dem Zuschauer den Atem nahmen ob ihrer Pracht, ihrer Eigenart, ihrer halluzinatorischen Kraft.

Von diesen Bestandteilen ist in Coppolas neuem Werk "Jugend ohne Jugend" auch genug zu finden, nur der Transport zum Zuschauer gestaltet sich schwierig. Coppola hat mit Marlon Brando in "Der Pate" schon einmal das Altern beobachtet, aber jetzt ist sein Blick ein anderer.

Seit zehn Jahren hat er keinen Film mehr gemacht, jetzt verfilmt er eine Erzählung des Rumänen Mircea Eliade, der in Chicago Religionsgeschichte lehrte, nach Jahren in Kalkutta und Paris. Eliade galt als Pionier auf dem Gebiet der Mythos- wie der Schamanismusforschung, folglich kommt in "Jugend ohne Jugend" außerkörperliche Wahrnehmung vor, Seelenwanderung, Verirrung in Zeit und Raum.

Die Geschichte handelt von einem alten Mann, einem Linguisten, der seine Sprachforschungen nicht vollenden konnte und auch sonst so unglücklich ist, dass er seinem Leben ein Ende setzen möchte. Zu diesem Zweck fährt er nach Bukarest, wo ihn beim Überqueren einer Straße der Blitzschlag trifft. Das führt jedoch nicht zum sowieso erwünschten Tod, sondern der Mann, Tim Roth in diesem Fall, erwacht im Krankenhaus und beginnt, während die verbrannte Haut allmählich heilt, sich auf wundersame Weise zu verjüngen.

Grandioser Trash

Er bewegt sich zurück in ein Alter bester Manneskraft, und in diesem verharrt er für die nächsten Jahrzehnte. Da aber der Zeitpunkt seiner Verjüngung kurz vor dem Zweiten Weltkrieg liegt, kommen bald politische Interessen ins Spiel.

Hier schwenkt Coppola ab zu seinen Lehrjahren bei Roger Corman, denn es folgt eine grandiose Trash-Sequenz, die kein B-Picture besser anbieten könnte. Sie schlachtet als Verkörperung des ultimativ Bösen das Thema "die Nazis" so aus, wie man es nur in billigen amerikanischen Filmen kennt und liebt. An historische Aufklärung ist dabei nicht gedacht, stattdessen an wahnsinnige Wissenschaftler mit Neigung zum okkulten Experiment. Genau diese wollen die Verjüngung von Tim Roth erforschen, und solange sie ihn nicht erwischen, hängen sie eben Pferde in Seilvorrichtungen auf und benehmen sich wie Dr. Frankenstein in seinen besten Momenten.

Der Rest der Geschichte wird dann ein wenig wirr. Doppelgänger spuken lasziv um Tim Roth herum wie Geister von Oscar Wilde, er selbst entwickelt übernatürliche Klugheit, spricht jede Sprache dieser Welt, kann anderen Menschen seinen Willen durch Gedankenübertragung aufzwingen und könnte so ein erfülltes wissenschaftliches Leben führen, wenn nicht, natürlich, eine Frau dazwischenkäme.

Obsessionen

Diese Frau ist die Wiedergeburt seiner Jugendliebe Laura, und auch sie gewinnt in einem Gewitter seltsame Fähigkeiten: In Trance bewegt sie sich zurück in der Zeit, gerät in einen Sprachenrausch und redet Sanskrit, sumerisch, babylonisch. Sie wird vom Gott Shiva bedroht, sie muss auf dem Bett knien und ekstatisch fauchen, was den Linguisten möglicherweise erfreut, sonst aber zu den Dingen gehört, die man keiner Frau zumuten sollte. Insgesamt verwandelt sich "Jugend ohne Jugend" also mit fortschreitender Länge in eine Folge "Indiana Jones" für Philologen.

Man kann diesen Film trotzdem unmöglich ablehnen, das muss man zugeben, je mehr die Handlung ausufert. Er mag bizarr, in einem Paralleluniversum zu Hause sein, von altmodischem Wahnsinn erfüllt. Was Coppola aber, wie immer, völlig unbeeindruckt lässt.

Natürlich demonstriert er hier die Sehnsucht nach Jugend, die Ablehnung des Alters, so viel ist klar. Aber das allein wäre zu einfach. Der andere Teil der Botschaft legt nahe, dass auch eine zweite Chance nichts ändert an einem Leben. Man bleibt bei seinen Obsessionen, obwohl man inzwischen weiß, dass sie Arbeit bedeuten, die Zukunftspläne behindern und für die meisten anderen nie etwas anderes sein werden als wunderlicher Unfug.

YOUTH WITHOUT YOUTH, USA 2007 - Regie und Buch: Francis Ford Coppola, nach Mircea Eliade. Mit Tim Roth, Alexandra Maria Lara, Bruno Ganz. Verleih: Sony, 125 Minuten.