Neu im Kino: "Die Schwester der Königin" Die Politik der Begierden

Die eine sanft und hinreißend, die andere smart und rebellisch: Scarlett Johannson und Natalie Portman spielen zwei ungleiche Schwestern am Hof Heinrichs VIII. Ein actionreiches Kostümdrama.

Von Von Hans Schifferle

Natürlich hat man sie schon in außergewöhnlichen Kostümen fremder Zeiten gesehen, Natalie Portman und Scarlett Johansson, die zwei begehrten Aktricen des jungen Hollywood. Natalie Portman in der "Star Wars"-Saga, Scarlett Johansson als "Mädchen mit dem Perlenohrring". Dennoch ist dies der besondere Dreh von Justin Chadwicks "Die Schwester der Königin": die beiden jungen und so zeitgenössischen Schauspielerinnen in einem klassischen Historienfilm zu präsentieren.

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Blondes Gift und kluges Köpfchen

Die Girl-Diven als Boleyn-Schwestern am Hofe Heinrichs VIII. - das ist nichts anderes als eine melodramatische Tudor-Extravaganza, ein Subgenre mit Tradition, in dem stets die private Seite der Politik betont wurde.

Eine Vergessene und Unbekannte der Geschichte sorgt hier für Spekulationen und Überraschungen im bekannten Ablauf der Historie: Mary Boleyn (Johansson) wird zur Titelfigur und Chronistin der dramatischen Ereignisse. Obwohl ihre smartere Schwester Anne (Portman) durch Hofintrigen dem König zugeführt werden soll, wird zuerst Mary dessen Maitresse. Ihr sanftes, strahlendes Wesen beeindruckt den unberechenbaren Monarchen, der unzufrieden ist mit seiner Gattin Katharina von Aragón, die ihm keinen Thronfolger gebären kann.

Die eigensinnige brünette Anne, die gegen die Kabale am Hof rebelliert, mit Stolz und Zorn in den funkelnden Augen, wird bald nach Frankreich verbannt. Doch als sie aus dem Exil zurückkehrt, innerlich abgehärtet, aber erotischer denn je, mischt sie sich in die Politik der Begierden am englischen Hof ein. Auch gegen die eigene Schwester kämpft sie nun um die Zuneigung Heinrichs - wie ein Mann, aber natürlich mit den Waffen einer Frau.

Der arme Heinrich wird dabei fast zur Nebenfigur degradiert. In seinen ausgefallenen Kostümen kommt er breit wie ein Scheunentor daher. Und mit den ständig getragenen Pelzbesätzen, die seinen Oberkörper wie Schamhaar umflirren und den Edel-Barbaren markieren, interpretiert er den König als verlorenen Jungen im virilen Körper, als grausam-verspieltes Kind, das selbst Spielball der eigenen Begierden und des eigenen Hofes ist. Wie fast alle Männer im Film, etwa auch der Bruder und der Vater der Boleyn-Girls, entpuppt sich Heinrich als mächtiger Schwächling.

Zärtliche Pulp Fiction

So wird eine bekannte Figurenkonstellation neu arrangiert: Schon der große Lubitsch drehte "Anna Boleyn", mit Henny Porten und Emil Jannings - eine faszinierende Studie über Mensch und Masse in den zwanziger Jahren. 1933 war Charles Laughton ein Tyrann der Sinnlichkeit, immer verliebt, nie geliebt, in Alexander Kordas "The Private Life of Henry VIII." In "Königin für tausend Tage"gab Geneviève Bujold eine zarte Boleyn gegenüber Richard Burtons Heinrich, einem genuinen Blaubart der Sixties.

Seit zehn Jahren nun, also ungefähr seit Prinzessin Dianas Tod, feiert das Tudor-elisabethanische Kinodrama eine Renaissance mit Filmen wie "Shakespeare in Love" und den "Elizabeth"-Filmen. Das vielleicht schönste Werk dieser neuen Serie ist übrigens kein Kostümdrama: Stephen Frears' "The Queen", zu dem Peter Morgan das Drehbuch geschrieben hat, macht Tony Blair heimlich zum Ritter Ihrer Majestät.

Morgan hat nun auch das Script zu "Die Schwester der Königin" verfasst. Er kreiert eine zwischen Zärtlichkeit und Gewalt schwankende Pulp Fiction, die aber auch durchaus ernsthaft mit feministischen Themen spielt. Zugleich entfaltet der Stoff, von Justin Chadwick straff und zupackend in Szene gesetzt, all die derben, deftigen und düsteren Sex- und Gewaltdetails eines Tudor-Babylon, von denen man glaubt, dass sie Girls und Frauen träumen und schaudern lassen.

Denn der zentrale Konflikt des Films besteht zwischen den Schwestern selbst. Die Rivalität zwischen zwei Frauen ist geradezu ein essentieller Bestandteil des Tudor-Melos. Diese Konkurrenz beinhaltet ein ganzes Kaleidoskop von Auseinandersetzungen. Blonde Sanftmut tritt gegen brünette Rebellion an. Zudem imitiert das Diven-Duell die mythischen Konflikte zwischen Elizabeth und Mary of Scotland, auch zwischen Bette Davis/Vivien Leigh und der provozierend gutmütigen Olivia de Havilland.

Die unterschiedlichen Frauentypen werden noch betont durch die großartigen Kostüme der Oscar-Preisträgerin Sandy Powell, die man beinahe als Co-Autorin des Films bezeichnen könnte. Scarlett Johansson als Mary ist meist in ein leuchtendes Rot gehüllt, das Liebe und Gefahr signalisiert. Mit ihrer Beständigkeit und sexuellen Heilkraft hätte sie auch eine schöne Camilla Parker-Bowles für Heinrich VIII. sein können.

Natalie Portman als Anne trägt oft ein starkes, giftiges Grün, das bei Shakespeare für Eifersucht steht. Und grausam-eifersüchtig ist Anne auf Mary. Aber sie ist eben auch eine Jeanne d'Arc als verzweifelter Vamp, eine Rebellin gegen Opportunismus und Heuchelei, sie will auch alle Marys rächen. Anne gibt sich nicht mit der Rolle der Maitresse zufrieden, sie will alles, sie will Königin werden, wenn auch nur für tausend Tage . . .

"Die Schwester der Königin" ist sicherlich kein Meisterwerk, Chadwicks Film kann aber überzeugen als Action-Film der Emotionen mit komplexen Frauenbildern im populären Gewand, als Geschichtsstunde in Form des erotischen Kintopps.

Zu guter Letzt stiehlt aber doch noch eine Frau den beiden Girls, die oft genug wie Zeitreisende wirken auf Test-Trip in der Tudor-Ära, die Schau. Die großartige Kristin Scott Thomas als Boleyn-Mutter bleibt in Erinnerung. Als sie einmal ihrem schwächlichen Mann ins Gesicht geschlagen hat, erschien die gequälte und zornige Weiblichkeit nicht nur gespielt, sondern ist physisch spürbar gewesen.

THE OTHER BOLEYN GIRL, GB 2007 - Regie: Justin Chadwick. Buch: Peter Morgan. Kamera: Kieran McGuigan. Kostüme: Sandy Powell. Mit Natalie Portman, Scarlett Johansson, Eric Bana, Jim Sturgess, Ana Torrent, Kristin Scott Thomas. Verleih: Universal, 115 Minuten.