Neu im Fernsehen: Walsers "Ohne einander" Ganz reizende Künstlermenschen

Frühere Romanverfilmungen waren Martin Walser peinlich - in dere neuesten spielt seine Tochter mit, und sie gefällt ihm endlich: Ein alter Mann liebt eine Kind-Frau und jeder kämpft gegen jeden.

Von Claudia Tieschky

Der Schriftsteller, die Tochter und das Fernsehen: Ohne einander wär's nicht so schön. Jedenfalls nicht im Geburtstagsprogramm beim ZDF. Zum bevorstehenden Achtzigsten von Martin Walser hat der Sender dessen Roman Ohne einander verfilmt, mit der Schauspielerin Franziska Walser in der Hauptrolle, und zur Filmpremiere Anfang März kamen Vater und Tochter sogar gemeinsam nach Hamburg.

Anschließend sagte Martin Walser, er sei sehr gerührt und beeindruckt, und dass drei frühere Romanverfilmungen Peinlichkeiten für ihn gewesen seien, weil er nachher immer habe versuchen müssen, unehrlich zu sein. Aber hier habe er gottseidank kein Problem: "Der Film hat mir vollkommen gefallen."

Feigling, Rohling, Schwächling

Die Familie im Roman lebt da doch verschärfter: Die Eheleute Ellen und Sylvio, Alf und Sylvi, die Kinder. Ganz reizende Künstlermenschen, von denen jeder seinen kreativen Kampf radikal gegen alle führt. In Sylvios Roman-Trilogie mit den Teilen Feigling, Rohling, Schwächling sind ungeniert Szenen aus Ellens Affäre mit dem Industriellen Ernest Müller-Ernst, genannt EME, verwoben. Im Haus am Starnberger See verharrt der große Sohn in Bewegungslosigkeit, die Tochter sprüht "kaltes Feuer, sie schlug aus allen Saiten nichts als Distanz". Unter diesen Leuten kann man als Fremder eigentlich nur umkommen.

Franziska Walser spielt die schrecklich schreibblockierte Journalistin Ellen, die beim Meinungsmagazin DAS arbeitet und außerdem findet, die Romane ihres Ehemannes "laufen immer am Leben entlang wie ein Hund an einer Hecke". An der Arbeit von Regisseur und Drehbuchautor Diethard Klante (Die Frau des Architekten, Der Fall Dieter Baumann) lobt Martin Walser dann ausdrücklich, "dass da nicht an meinem Buch entlang gefilmt wird".

Er nennt das Genre Tragikomödie: "Ich möchte keinen Film, der seriös wäre, ohne komisch zu sein." Als Ohne einander 1993 erschien, schrieb Peter von Matt im Spiegel, das Buch habe den "Schmiss einer Boulevardkomödie".

"Bullshit über Bullshit"

Der ZDF-Film ist ganz sicher: keine Boulevardkomödie. Das Drama wirkt eher innerlicher Natur. Das meiste von Walsers großartig hochgezogener Medienlandschaft, die das Buch streckenweise wie einen Schlüsselroman erscheinen lässt, wurde schlicht fortgelassen.

Spiegel, Stern Focus? Das ist nicht mehr die Frage. Josef Bierbichler hat einen Kurzauftritt als Chefredakteur des Magazins, das hier Lounge heißt und Lifestyle verkauft. Im Roman soll Ellen auf Geheiß des Chefredakteurs mit 108 Zeilen einen Antisemitismus-Verdacht gegen sein DAS-Magazin abwenden. Bei Lounge geht es um Antiamerikanismus: "Bullshit über Bullshit" heißt Ellens Arbeitstitel. Es eilt, zuhause hat sich EME angekündigt. Es geht trotzdem nicht. Die 108 Zeilen sind am Ende hart erkauft: Ellen lässt den schmierigen Kollegen ran - an den Text und an ihr Höschen.

Franziska Walser hat schon öfter mit Klante gedreht, zur Zeit spielt sie am Zürcher Schauspielhaus. Im Interview nach der Filmvorstellung wirken Vater und Tochter wie ein gutes Team; wenn sie spricht, sitzt Walser ihr halb zugewandt in der Haltung eines Zuhörers und dabei in sich konzentriert.

Wie findet sie diese Frauenfigur, die ihr Vater da entworfen hat? Sie finde Ellen sehr reizvoll, "weil sie eine Frau ist, die den Anspruch auf ihr eigenes Leben nicht aufgibt". Die Figuren im Roman - "die halten einfach viel aus, die haben viel Kraft, und das finde ich ganz großartig."

Ein "Riesenrisiko"

Manchmal fällt sie ganz leicht in die bayerische Tonfärbung. Die älteste der vier Walser-Töchter lebt mit ihrem Mann, dem Schauspieler Edgar Selge, seit langem in München. Die Stimme des Vaters hat den kantigen Klang vom Bodensee. Dort im Südwesten ist gerade das andere Stück von ihm, das viel bekanntere, ebenfalls unter Mitwirkung des ZDF abgedreht worden; Rainer Kaufmann hat die Erfolgsnovelle Ein fliehendes Pferd neu fürs Kino inszeniert, mit Ulrich Tukur, Ulrich Noethen und Katja Riemann.

Ein anderer See, dasselbe Drama: Wie in Ohne einander sitzen auch hier am Ende leergestrittene Leute in einem Haus und warten auf Nachricht von der Wasserwacht. "Ich bin der Fachmann für Wassergefahren", sagt Walser ironisch. Ein "Riesenrisiko" sei die Fernseh-Verfilmung gewesen - "weil nichts kann peinlicher sein als eine familiäre Verbindung in einer Medienöffentlichkeit, und dann gelingt es nicht. Das ist zum Auswandern."

Tatsächlich liegt es an Franziska Walser und an dem wunderbaren Sylvio-Darsteller Klaus Pohl, wenn in Klantes Film am Ende bei allem Drama und bei aller Wassergefahr durchaus gelegentlich die Leichtigkeit einer Boulevardkomödie gewinnt. Gedreht wurde vorigen Oktober in einer kleinen Villa am Westufer des Starnberger Sees. Eine Sommerhaus-Kulisse, mit Wänden, die nach Holz aussehen, hellhörig allemal, leicht abgeblättert die Farbe, Türen schlagen, und Fensterläden im Wind.

Melancholischer Wohlstand

Pohl macht den unwiderstehlichen Luftikus mit dem Weinglas in der Hand, Walser die mütterliche Liebessucherin. Melancholischer Wohlstand und sonnengleißender See fügen sich zu einem beruhigenden Grundton. Selbst wenn hier ein Industrieller mit Limousine einbricht oder eine femme fatale von der Isar namens Annelie (Sophie Rois) - dieses Paar wirkt nicht, als könnten beide am Ende wirklich ohne einander.

Klante hat einen sehr listigen Film gemacht, der zunächst einmal eher in Nähe des handelsüblichen deutschen Familienfernsehens angesiedelt scheint: Es gibt teure Autos, Bootshütten, schattige Baumbestände am Wasser und eine schön anzusehende junge Generation (Vijessna Ferkic, Maximilian Simonischek). Aber der Zuschauer ist keineswegs auf der sicheren Seite der Hecke. Er wird nach und nach systematisch beunruhigt.

Die größte Erschütterung führt zugleich direkt in ein zentrales Thema der Walser-Werke. Ein alter Mann liebt eine Frau, die fast noch ein Kind ist. Die wilde Sylvi wird von EME (mutig: Jürgen Prochnow) verführt, und weil auch das im Sonnenlicht am See geschieht, sieht man genau den verletzlich machenden Altersunterschied mit Falten und schlaffer Haut. Am Ende bleibt in all dem Föhnglanz ein ziemlich wagehalsig gesteigerter Nervenreiz. Für Martin Walser ist das "auf das Schönste Effekthascherei".