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Neu aufgelegt:Mensch aus Versehen

1998 schrieb David Foster Wallace die Reportage "Der große rote Sohn" über die Porno-Industrie. Heute ist Porno Mainstream, und doch hat sein Text an Aktualität nicht verloren.

Von Jens-Christian Rabe

Im Jahr 2017 eine Reportage über die amerikanische Porno-Industrie aus dem Jahr 1998 wieder zu veröffentlichen, bedeutet entweder, dass man dem Autor traut - oder dem Thema. Im Fall des Buches "Der große rote Sohn" traf wohl beides zu. Der Autor ist schließlich nicht irgendein Reporter, sondern David Foster Wallace. Der von Suchtproblemen und Depression geplagte Schriftsteller, der 2008 im Alter von 46 Jahren Selbstmord beging, galt nach seinem 1996 veröffentlichten Roman "Infinite Jest" ("Unendlicher Spaß") vielen als eine der wichtigsten, originellsten und herausforderndsten literarischen Stimmen seiner Generation.

Der Umsatz der Pornoindustrie ist längst doppelt so hoch wie der des Mainstream-Kinos

Wohl und Wehe der Pornografie wiederum ist, seitdem das Internet deren Zugänglichkeit in zuvor unvorstellbarer Weise erleichtert hat, natürlich ohnehin eines der großen Themen der Gegenwart. Wen stören da schon die Details. "Der große rote Sohn" war ursprünglich eine journalistische Auftragsarbeit und erschien erstmals in der mittlerweile eingestellten amerikanischen Ausgabe der französischen Filmzeitschrift Premiere. Und er fiel genau in die Zeit, in der das Internet die Wahrnehmung und die Sichtbarkeit der Branche noch nicht völlig verändert hatte. Pornografie ist heute ein noch viel alltäglicheres und deutlich weniger aufgeregt verhandeltes Thema als damals.

David Foster Wallace, hier auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1997.

(Foto: interTOPICS)

Andererseits ist die Porno-Industrie, der "große rote Sohn" von Hollywood, seither natürlich noch größer geworden. Es gibt Schätzungen, nach denen der Jahresumsatz der amerikanischen Pornomedien-Industrie inzwischen mit über 4 Milliarden Dollar ungefähr doppelt so hoch ist wie der des amerikanischen Mainstream-Kinos.

Die beiden großen Pointen des Textes, dass im Porno-Business gigantische Geschäfte gemacht werden und sein Personal aus vulgären Zynikern und auch sonst eher unsubtilen Charakteren alle Klischees bestätigt, sind deshalb aber auch fast das Uninteressanteste an "Der große rote Sohn". Zwischen damals und heute liegen ja fast zwanzig Jahre, in denen auch alle branchenfremden Medien sämtliche Bereiche hinter den Kulissen der Industrie ausgeleuchtet haben. Porno ist selbst Mainstream geworden. Als Summe der Zahlen, des Jargons, der unabsichtlichen Ironie und absichtlichen Schamlosigkeit der Branche und sämtlicher ihrer Irrwitzigkeiten und Untiefen ist das Büchlein aber natürlich doch sehr, sehr gut: "Für Otto Normalverbraucher ist es eine angespannte und emotional verwickelte Angelegenheit, mit Pornostars in einer Hotelsuite abzuhängen." Pornofans werden branchenintern übrigens nur "Wichte" genannt.

Im Mittelpunkt stehen David Foster Wallace' so genau wie lakonisch beobachteten und brillant verdichteten Erlebnisse und Reflexionen rund um die in 104 Kategorien vergebenen "Adult Video News Awards", den Oscars der Pornofilmindustrie, die in Las Vegas immer im Rahmen der weltweit beachteten Internationalen Messe für Unterhaltungselektronik stattfinden. Man liest also - Wallace-typisch auch mal in seitenlangen Fußnoten, oder sogar in Fußnoten zu Fußnoten - von der grotesk selbstherrlichen Menschenverachtung von Produzenten namens Max Hardcore, von belauschten Pissoir-Dialogen unter männlichen Pornodarstellern, absurden Dankesreden und der "geistesabwesenden Höflichkeit" von Starlets, die auf der Messe an den Ständen ihrer Produktionsfirmen repräsentieren müssen.

Wirklich fabelhaft allerdings ist die Stelle, an der es - wieder vor allem in einer überlangen Fußnote - um einen Detective des Los Angeles Police Departments geht und um seine Faszination für Pornos, die Wallace vollkommen ernst nimmt. Den Polizisten interessieren vor allem die "seltenen Augenblicke beim Orgasmus oder bei zufälligen Zärtlichkeiten", in denen die Darsteller plötzlich echte Menschen werden: "In richtigen Filmen", so der Detective, "machen die das mit Absicht. Ich glaube, an Pornos gefällt mir, dass es da aus Versehen passiert.

© SZ vom 16.01.2017
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