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Was "Die feine Gesellschaft" (Regie Bruno Dumont) mit Solange gemacht hat? Und was passiert, wenn "Die Russen kommen" (Regie Heiner Carow)? Und was hat "Der neue Mensch" vor? Die Herbstsaison ist eröffnet.

Von Fritz Göttler

Kinderarmut, Kindereinsamkeit, in den Zwanzigern, in der jungen Sowjetunion. "Sie streifen durch die Städte, als böses, hungriges Wolfsrudel", wird pathetisch erzählt zu Beginn von "Der Weg ins Leben", 1931, von Nikolai Ekk. "Was kann sie retten? Wohltätigkeit? Moralpredigten? Darüber lachen sie und wir. Wir wissen es besser. Der Mensch schafft sich seine Mittel selbst. Den Fahrschein, das Rüstzeug fürs Leben gibt ihnen die Sowjetrepublik. Sie kennt die Macht der freien Arbeit zum Wohle der Gemeinschaft."

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Vier Millionen streunende Kinder gab es 1921, nach Krieg und Bürgerkrieg in der Sowjetunion, auf der Straße lebend, immer auf dem Sprung zu einem schnellen Gaunerstück. In einer Kommune sollen sie die "Macht der freien Arbeit" erfahren. Die gewaltige utopische, geradezu euphorische Kraft dieser Botschaft macht die DVD-Sammlung "Der neue Mensch" spürbar, russische Filme der Zwanziger und Dreißiger, jenseits von Eisenstein und Pudowkin, zusammengestellt und eingeführt von Alexander Schwarz und Rainer Rother. Da gibt es keine Berührungsängste zur Westkinematografie. Dsiga Wertow schickt in seiner "Kino-Prawda" seine Kamera den Pariser Eiffelturm hinauf, in Friedrich Ermlers "Überbleibsel des Kaiserreichs" verliert ein Mann seine Erinnerungen - er lag unter den Leichen des Bürgerkriegs -, durch den Hollywood-magischen Anblick einer Frau in einem Zugfenster wird er in die Gegenwart zurückgeholt. Überall ist Kampf, auch in "Beherrscher des Alltags", Kampf gegen die Flöhe im Bett. Eine liebevolle Animation von Aleksandr Ptuschko. (edition suhrkamp)

Ein anderer Krieg, eine andere Kindereinsamkeit, der 8. Mai 1945. "Die Russen kommen" heißt der Film, den Heiner Carow 1968 für die Defa darüber drehte, wie ein Junge das Kriegsende erlebte. Der Film erhielt keine Zulassung vom DDR-Ministerium für Kultur, einer der "Regalfilme" der Sechziger, wurde dann 1987 erstmals restauriert. "Sie waren Meister im Verdrängen", sagt Carow, "und verstanden sich als Antifaschisten von Geburt an. Sie mochten den Film nicht, weil er sie an die eigene Mitschuld erinnerte." Carow hat dann einen Teil des Materials in einen zweiten Film verarbeitet, "Karriere". Beide Filme gibt es in der Edition Filmmuseum. Fantastisches Kino aus der DDR. Einmal gehen die Kids ins Kino, und wie man das eben so macht, wird dort geknutscht und geküsst. Der Film, der läuft, ist "Kolberg", Veit Harlans Durchhaltefilm.

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Ein Krimi aus Italien, 1967, bei uns als Edgar Wallace verkauft, "Das Geheimnis der grünen Stecknadel" - weil Joachim Fuchsberger dabei ist, als Kommissar, und die kühle Karin Baal. Regie hat Massimo Dallamano, der lange als Kameramann arbeitete und als Regisseur eine "Venus im Pelz" inszenierte. Die "Stecknadel" ist eine kleine traurige Geschichte von Einsamkeit und Grausamkeit junger Mädchen. Originaltitel: "Cosa avete fatto a Solange? / Was habt ihr mit Solange gemacht?" (Koch Media)

Was "Die feine Gesellschaft" mit dem jungen Ma Loute macht, erzählt Bruno Dumont. Ein Fischersohn an der Kanalküste lässt sich auf eine Truppe debiler Großbürger ein, darunter Juliette Binoche und Fabrice Luchini. Ihn lockt ein Mädel, das sich verführerisch androgyn gibt. Klassen-Kampf, in dem die Armen die Kannibalen sind. Die Malerei prägt unser Kino, sagt Dumont: "Das italienische ist zum Beispiel vom Vermächtnis der italienschen Malerei inspiriert, eine idealistische Tradition, um der Schönheit. Während unsere flämische Tradition eher existenziell, expressionistisch an die Dinge herangeht." (good!movies)

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Die Schönheit der Verzweiflung, "Fences" von Denzel Washington, seine dritte Regie, 2016, als er auch die "Glorreichen Sieben" drehte. Nach dem Pulitzer-Preis-Stück von August Wilson, 1987. Ein Film aus den Hinterhöfen von Pittsburgh. Man kann nebeneinander im Bett liegen und doch für immer voneinander getrennt sein. Klassische Konflikte der amerikanischen Theatertradition der Fünfziger, durchgespielt mit Washingtons samtrauer Stimme. Olivia Davis, als seine Frau, hat voriges Jahr den Oscar als beste Nebendarstellerin gekriegt. (Paramount/Universal)

"Showdown, 1963, von R. G. Springsteen. Audie Murphy und Charles Drake, die oft zusammen spielten, kommen in eine Stadt und werden dort nach einer Prügelei am Pranger angekettet - "Der eiserne Kragen" ist der deutsche Titel. Sie fliehen, mit einer Handvoll Banditen, die nun gern ihr Geld hätten. An das ist nicht so einfach ranzukommen - eine Western-Variante von Schillers "Bürgschaft" entwickelt sich. Aus der Zeit, als der Westen staubig und grau wurde. (Koch Media)