Neu auf Deutsch Australischer Odysseus

Peter Temple erzählt in seinem frühen Roman "Die Schuld vergangener Tage" von Korruption, Snuff Movies und der Gleichgültigkeit des Bösen.

Von Fritz Göttler

Ein kalter Herbsttag in Canberra, Anfang der Neunziger, am Kriegerdenkmal der Stadt. Ein junger und ein älterer Cop, australische Bundespolizei, der junge kommt gerade von einem Lehrgang in Chicago. Der ältere vermittelt ihm Elementares zu ihrem Beruf, zur Arbeit als verdeckter Ermittler in der Drogenszene - in Hunderten Romanen und Filmen haben wir das schon gehört: "Man lebt mit dem Abschaum ... Ist einer von ihnen, in ihrer Welt, sie können alles kaufen, können jeden kaufen. Man vergisst, wer man ist. Nach einer Weile mag man sogar einige von ihnen. Dann fängt man an, so wie sie zu denken. Das alles wirkt irgendwie normal ... Wie auch immer, wenn man anfängt, so zu denken wie die andere Seite, ist man dabei, die Seite zu wechseln. Und dadurch wird man zu einem wertlosen, unzuverlässigen Menschen. Hab' ich recht?"

Sie rauchen, der Jüngere hat dem Älteren eine Zigarette angeboten, Camel. "Kommt also doch etwas Gutes von den Yanks", sagt der Ältere. Dann zeigt er dem Jungen sein Lieblingsstück der Ausstellung, das Diorama der Schlacht von Gallipoli, in der im Jahr 1915 Tausende junge Australier fielen.

Am Tor der Erziehungsanstalt Kinross Hall prangt eine wunderschöne eiserne Rose

Die Versuchung, die Seite zu wechseln, das Gefühl der Verpflichtung, auch sich selbst gegenüber, wie sich das entwickelt bei der Undercover-Arbeit für den jungen Polizisten - MacArthur John Faraday ist sein Name - und im Verhältnis der beiden Cops, das bildet den Hintergrund des Romans "Die Schuld vergangener Tage", der im Original "An Iron Rose" heißt. Erschienen ist er im Jahr 1998 und erst jetzt, mehr als fünf Jahre nach Peter Temples Meisterwerk "Wahrheit", ins Deutsche übersetzt worden.

Die Handlung setzt allerdings erst ein, als Mac schon lange nicht mehr im Polizeidienst ist, bei einer Beschattung hat er die Situation falsch eingeschätzt, und so sind Menschen, für die er verantwortlich war, getötet worden, es gab eine interne Untersuchung und Mac hat den Dienst quittiert. Nun lebt er auf der Farm seines Vaters, betreibt die Schmiede dort, findet seine Ruhe im Handwerk, versucht ein Leben in Unabhängigkeit, auch von der eigenen Vergangenheit. Aber die holt ihn wieder ein, als ein guter Freund des Vaters, Ned Lowey, erhängt aufgefunden wird, ein Aborigine. Mac nimmt Neds Enkel Lew zu sich, versucht, ein Vater für ihn zu sein. Sie spielen Scrabble, und der Junge schlägt dabei den Älteren - weil er das Wort Zingulum kennt. Sie wollen nicht glauben, dass Ned sich erhängt hat. Mac will beweisen, dass es Mord war.

Liza Cody: Miss Terry. Aus dem Englischen von Martin Grundmann und Else Laudan. Ariadne Verlag, Hamburg 2016. 320 Seiten, 17 Euro. E-Book 12,99.

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Die wunderschöne schmiedeeiserne Rose, die dem Roman den Originaltitel gibt, findet sich auf dem Torbogen einer Mädchen-Erziehungsanstalt, sie trennt den Namen Kinross Hall. Der Schmiedemeister Mac bewundert die eiserne Rose, aber ihre Schönheit geht einher mit Dekadenz und Gemeinheit. Die nackte Leiche eines Mädchens mit gebrochenem Genick wird in einem Bergwerkschacht gefunden, Mitte der Achtziger, ein anderes Mädchen, blutig geschunden, hält einen Mann nachts am Straßenrand an, will aber nicht, als er sie mit zu sich nimmt, dass er die Polizei informiert. Ned hat in Kinross Hall Reparaturarbeiten erledigt, mehrmals, und er muss dort verstörende Sachen entdeckt haben. Was weiße ältere Männer - aber auch Frauen - wehrlosen Mädchen antun. Sexueller Missbrauch, brutale Folter, Snuff Movies.

Mac versucht, Informationen zu sammeln, um dem Gangsterring auf die Spur zu kommen, er nutzt Beziehungen aus seiner Dienstzeit, manchmal trickreich, manchmal brutal, setzt Spitzel wieder unter Druck, bittet alte Kollegen - und ein paar neue - um Mitarbeit. Man hat ihm seine Dienstwaffe gelassen. Er merkt schnell, dass die Gegner ihm voraus sind, die Korruption hat sich schnell ausgebreitet in den Jahren, da er dem Polizeidienst fern ist, in der Bürokratie, bei der Polizei. Dubiose Leute haben Karriere gemacht, werden Polizeichef oder Minister. Menschen, die er als Zeugen besuchen will, findet Mac erschossen vor, ein Schuss durchs Auge. Korrupte Cops versuchen, Mac selbst auf einsamer Landstraße umzubringen.

Gegen die Korruption der Großstadt setzt Peter Temple die Melancholie der Solidarität im Hinterland. Mac Faraday ist die Ruhelosigkeit von Jugend an gewohnt, er hat mit seinem Vater beinahe jedes Jahr umziehen müssen, ein neuer Job, eine neue Stadt, eine neue Schule. In der Schmiede will er nun Ruhe finden, aber auch sie ist am Ende kein sicherer Ort mehr, "das einzige echte Zuhause, das ich je gehabt hatte. Das Haus meines Vaters, seine Werkstatt, seine Schmiede, sein Werkzeug. Der einzige Ort, wo er sich selbst heimisch gefühlt, seine Dämonen vertrieben hatte. Wenigstens eine Zeit lang. Und nach und nach, im Lauf der Jahre, hatte auch ich meine Dämonen vertrieben. Und ein Leben gefunden, das nicht darauf basierte, dass ich beobachtete und log und Pläne schmiedete, Leute benutzte, Fallen stellte, täuschte. Doch ich hatte ein Virus mitgebracht, wie ein Flüchtling, aus einer verseuchten Stadt, einen Krankheitserreger, ich hatte die Symptome verdrängt und wider besseres Wissen gehofft, sie würden verschwinden."

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Roman stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Ist Ihnen aufgefallen, heißt es in Kinross Hall, dass böse Menschen eine Art Kraft umgibt?

Es ist eine klassische Erzählung vom einsamen Ermittler und Detektiv, die sich in diesem Roman entwickelt, aber der Australier Peter Temple verleiht dieser Figur besonders scharfe Kontur. Der Detektiv ist wie ein Odysseus, der auf seiner Irrfahrt durch fremde, trostlose, tragische Geschichten, insgeheim auf dem Weg nach Hause ist - nach einem Ort, den er als sein Heim errichten und definieren kann. Wenn er Zeit hat, hilft Mac einem Freund bei der Restaurierung vernachlässigter Grundstücke, alter Parks und Herrenhäuser. Mithilfe von Plänen und Fotos suchen sie die Spuren alter, halbzerstörter Gebäude, die Blickachsen im überwucherten Gelände. Ein Haus wieder zum Haus machen, das heißt, eine Ordnung wiederherstellen, die verloren war.

Jede Moral, auch das ist eine Erkenntnis der großen Kriminalromane, hat immer schon das Moment der Dekadenz in sich, das ihr gefährlich werden kann. "Ist Ihnen aufgefallen", diese Sätze fallen unter dem Zeichen der eisernen Rose, in der Anstalt Kinross Hall, "dass böse Menschen eine Art Kraft umgibt? Eine Art von Unabhängigkeit? Das ist eine sehr mächtige Eigenschaft. Es handelt sich um eine Ruhe, um fehlende Zweifel, um eine Gleichgültigkeit gegenüber der Welt. Das lockt andere Menschen an. Das moralische Vakuum lockt sie an. Die Schwachen gehen zu den Starken."

Man muss vor allem die Kämpfe auf sich nehmen, die man nicht gewinnen kann, das weiß Mac aus der Jugend - in jeder neuen Schule, in die er kam, war klar, dass die Schüler der Klasse den Neuen attackieren und verprügeln würden. Für den Cop wird dann das Verlieren zur Prinzipienfrage. "Wertlos, unzuverlässig, das ist schlimm", belehrt der ältere Cop Mac am Diorama von Gallipoli. "Es gibt aber Schlimmeres. Tot ist schlimmer." Und dann mahnt er, ganz genrebewusst: "Wer die Seite wechselt, kann nicht mehr nach Hause. Kennen Sie den Spruch? Stammt von den Amerikanern."