Netznachrichten Der menschliche Makel

"Im Internet weiß niemand, dass du ein Hund bist", lautet die Unterzeile eines berühmten Cartoons aus den Neunzigerjahren. Im Umkehrschluss war es noch nie so schwierig wie heute, den Beweis dafür zu erbringen, dass man tatsächlich ein Mensch ist.

Von Michael Moorstedt

Irgendwo auf der Welt, wahrscheinlich in einem hohen Turm, residiert wohl eine zentrale Agentur, die für alle Belange der Gegenwart die passende Abkürzung findet. Das bislang unübertroffene Meisterwerk der dort Beschäftigten ist "ELSTER", die Kurzformel für eine Software zur Elektronischen Steuererklärung. Zweck, Ehrlichkeit, Naturverbundenheit, da ist einfach alles vorhanden.

Ein nicht ganz so glückliches Händchen bewies man allerdings bei dem sogenannten Captcha. Das Akronym steht für "Completely Automated Public Turing Test to Tell Computers and Humans Apart". Auch, wenn er vielleicht nicht weiß, was das ist, begegnet jeder Internet-Nutzer den Captchas quasi täglich. Es sind die kleinen Bilderrätsel, die man lösen muss, bevor man sich für eine neue Dienstleistung, einen Newsletter oder in einem Online-Forum anmelden kann. "Markieren sie alle Bildausschnitte, auf denen Autos, Verkehrszeichen oder Geschäfte zu sehen sind!", heißt es dann.

Die Methode wird benutzt, um Bots und automatisierte Skripte zu erkennen, am Login zu hindern und so Spam und künstlichen Traffic zu vermeiden. Das Problem ist nur, dass die gezeigten Bilder in den letzten Jahren immer schlechter zu erkennen sind. Nicht selten braucht man dann ein paar Anläufe, um die Barriere zu überwinden. Dank künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen werden die Programme nämlich immer besser im Dechiffrieren von komplexen Bildern, deren Verständnis einst den Menschen vorbehalten war.

Als Lösung versuchte man lange Zeit, den Schwierigkeitsgrad der gezeigten Bilder, sprich: ihre Erkennbarkeit, in einer Art von visuellem Wettrüsten anzupassen. Die Sache hat aber zwei Haken. Denn zum einen wird die Software immer besser, je mehr Aufgaben sie löst und zum anderen werden die Bilder irgendwann so komplex, dass sogar der menschliche Nutzer irgendwann eher frustriert abschaltet, als ein neues Social-Media-Konto anzulegen. Eine Versuchsreihe verdeutlicht das Problem.

In einem Test konnte ein Google-Bilderkennungsalgorithmus 99,8 Prozent aller ihm gestellten Aufgaben lösen, menschliche Probanden kamen da allerdings nur auf eine miserable Quote von gerade mal 33 Prozent.

"Im Internet weiß niemand, dass du ein Hund bist", lautet die Unterzeile eines berühmten Cartoons aus den Neunzigerjahren. Im Umkehrschluss war es noch nie so schwierig wie heute, den Beweis dafür zu erbringen, dass man tatsächlich ein Mensch ist. In den großen Tech-Konzernen machen sich nun eine Menge kluger Leute Gedanken, wie man den Menschen wieder einen Wettbewerbsvorteil verschaffen könnte. Das ist gar nicht so einfach, denn die infrage kommende Aufgabe muss nicht nur barrierefrei sein, sondern auch über Bildungs-, Sprach- und Kulturgrenzen hinweg funktionieren. Ein Rätsel, das von Menschen aus München genauso verstanden wird wie von Menschen aus Mumbai. Außerdem sollte es auch noch halbwegs schnell gehen. Experimente mit Logik-Spielchen, Wortassoziationen oder Rorschach-Klecksen führten allesamt in eine Sackgasse.

Dieses Dilemma führt zurück zu einer elementaren Frage: In welchem Feld sind Menschen universell fähiger als Maschinen? Welche intellektuelle Fähigkeit kann nicht von einem Computer kopiert werden? Was ist der Mensch? Der Philosoph Günther Anders schrieb einst von der "prometheischen Scham", die wir angesichts unserer technischen Entwicklungen und der eigenen Minderwertigkeit empfinden, dass also, "was Kraft, Tempo, Präzision betrifft, der Mensch seinen Apparaten unterlegen ist," und "dass auch seine Denkleistungen, verglichen mit denen seiner 'computing machines' schlecht abschneiden, ist ja unbestreitbar."

Die vielversprechendste Lösung im Captcha-Krieg scheint nun darin zu bestehen zu analysieren, wie sich ein Besucher auf einer Website verhält. Während Software ebenso perfekt wie vorhersehbar durch das Netz navigiert, mäandert der Mensch nämlich von Site zu Site, Klicks treffen nicht ihr Ziel, der Mauszeiger zittert und Tastatureingaben sind unsicher, werden gelöscht, umgeschrieben. Hier haben wir also doch noch ein Rückzugsgebiet, in dem wir die Maschinen übertreffen: In unseren Makeln, unserem Irrlichtern, unserer Fehlbarkeit.