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Netznachrichten:Das Ende einer Illusion

Bei Google rebellieren Angestellte gegen Projekte des Konzerns, das Silicon Valley ringt um seine Rolle. Es geht um Fragen der Technologieethik: Soll man mit China kooperieren, Technologie für Waffen und Überwachungssysteme liefern?

Nein, von Krise kann eigentlich keine Rede sein. Im letzten Jahr hat der Google-Mutterkonzern Alphabet einen Gewinn von mehr als 30 Milliarden Dollar gemacht. Aber Geld ist halt doch nicht alles. Von einem "Bürgerkrieg" innerhalb des Unternehmens ist die Rede, von "drei Jahren Misere", wie das amerikanische Technik-Magazin Wired die Situation auf seinem aktuellen Titel nennt. Der Kulturkampf innerhalb des Konzerns entzündete sich 2017 am Project Maven, bei dem Google für das Pentagon KI-gesteuerte Bilderkennungssoftware für die Zielerkennung militärischer Drohnen entwickelte.

Noch mehr Zunder gab es im vergangenen Jahr beim Project Dragonfly, das eine Rückkehr in den chinesischen Markt vorsah - mit einer zensierten Version von Googles Suchmaschine. Dazwischen gab es immer wieder Berichte über sexuelle Belästigungen von weiblichen Mitarbeitern, die meist mit einer großzügigen Abfindung des Beschuldigten endeten, über Diskriminierungen und Entlassungen aufgrund politischer Ansichten. Auf Twitter häufen sich Postings ehemaliger Angestellter, die halb nach Generalabrechnung mit dem militärisch-industriellen Komplex klingen, halb nach verzweifelten Briefen enttäuschter Liebhaber. In dieser angespannten Situation versandte Google-CEO Sundar Pichai in der vergangenen Woche neue Richtlinien für den Arbeitsplatz, die unter anderem untersagen, politische Fragen in den zahlreichen internen Message-Boards des Unternehmens zu debattieren. Man solle sich stattdessen auf die Arbeit konzentrieren, für die man bezahlt werde.

Der Gründungsmythos des Silicon Valley nährte den Glauben, auf der Seite des Guten zu stehen

Das klingt nun nicht ganz so aufgeklärt. Praktischerweise wurde das noch immer viel zitierte Konzernmotto "Don't be evil" bereits 2015 aus dem Unternehmenskodex gestrichen und durch das - wesentlich deutungsoffenere - "Do the right thing" ersetzt. Die Frage ist nur, ob sich die Google-Angestellten den Maulkorb gefallen lassen. Es hat lange gedauert, bis sie über die Auswirkungen ihrer Arbeit zu reflektieren begannen. Der immer noch nicht ganz zersetzte Gründungsmythos des Silicon Valley nährte die Illusion, auf der Seite des Guten und des Fortschritts zu stehen.

Nun aber gründen sich Initiativen wie Neveragain.tech. Hier versprechen Tausende von Softwareentwicklern, sich "zu weigern, an Datenbanken mitzuarbeiten, die dazu dienen, Individuen aufgrund ihrer Rasse, Religion oder Herkunft" eindeutig zu identifizieren. Ähnliches gilt für die Non-Profit-Organisation Tech Solidarity, die sich das wohl etwas naive Motto "Tech serves People" zu eigen gemacht hat. Das heftige Erwachen betrifft freilich nicht nur Google. Auch die Angestellten von Tech-Konzernen wie Facebook, Amazon oder Microsoft äußern ihre Bedenken hinsichtlich der Art und Weise, wie die Arbeitgeber mit Militär und Politik Geschäfte machen.

Die beiden letzteren etwa konkurrierten bis vor Kurzem in der finalen Runde um die Vergabe eines Pentagon-Projekts im Umfang von zehn Milliarden Dollar. Hier werden zwar "nur" Daten verarbeitet, dennoch dient das Projekt laut Verteidigungsministerium der "Erhöhung von Tödlichkeit und strategischer Bereitschaft". Das möchte nicht jeder liberale Ideenarbeiter gerne in seinem Lebenslauf stehen haben. Gestoppt wurde die Ausschreibung aber nicht etwa wegen der Proteste der Mitarbeiter, sondern weil es angeblich zu Unregelmäßigkeiten zugunsten von Amazon gekommen war. Ob das von Google verhängte Sprechverbot Wirkung zeigt, ist übrigens fraglich. Vor Kurzem wurde bekannt, dass der Konzern mit der US-Grenz- und Zollbehörde CBP über ein Cloud-Computing-Projekt verhandelt, das bestimmt nicht den Statuten der Tech-Arbeiterbewegung entspräche. Die nächste Krise ist schon unterwegs.