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Debattenkultur im Netz:Rasseln in Betroffenheitsketten

Denn die Herrschaften am Online-Pranger von Münkler-Watch behaupten sich ja gerade nicht als neue Macht oder Gegenöffentlichkeit. Sie füllen ein Webformular aus, in der inzwischen begründeten Hoffnung, dass die Fallhöhe von Anschuldigung und beschuldigter Person genug Mit-Entrüstete und dann (alte) Medien anzieht, um daraus einen "Fall" machen.

Tatsächlich erlebt man diesen Versuch, eine Öffentlichkeit auf die eigene kleine Erregungsbaustelle zu locken, als das Konformitätsschema des digitalen Diskursrahmens. Man kann es das Rasseln in Betroffenheitsketten nennen, überall vernimmt man Beifall heischende Schreie von Opfern, die irgendeinen Skandal im Netz endlich öffentlich machen wollen. Die überreizte Aufmerksamkeit des Publikums weiß schon gar nicht mehr, wohin sie sich zuerst wenden soll.

Denn nicht nur Münkler-Watch funktioniert in diesem Modus, auch fast alle "#Aufschreie" kommen so daher, die spontan ausgerufenen "Gates" bedienen die Empörung ebenso, die Hotel-, Ärzte- und Lehrerbewertungen sowieso, die Kommentarspalten von Online-Medien sind voll von Skandalparanoia ("Lügenpresse"), viele, viele Kundenrezensionen und Bewertungsportalen führen so Beschwerde. Man kann keinen USB-Stick mehr kaufen, ohne auf Abgründe bodenloser Enttäuschung zu stoßen.

Doch während bei Produkten und Dienstleistungen ein klare Sehnsucht nach Gerechtigkeit erkennbar ist, bleibt der Diskurs dort, wo er politisch öffentlich werden will, bei vielen Kommentatoren auf der Stufe einer immer gleichen Entrüstung stecken. Es droht stets die Heimlichkeit, die Vertuschung, die Dreistigkeit, die schamlose Unkorrektheit irgendeiner Macht unter den Tisch zu fallen - wenn das Opfer nicht an die Öffentlichkeit tritt, den Missstand ans Licht bringt und endlich Verbündete findet.

Wozu noch miteinander reden?

Nun ist es ja nicht so, dass es auf der Welt keine Skandale und keine Opfer gäbe, keinen Machtmissbrauch und keine sexuelle Diskriminierung. Doch gehen die bedeutsamen, berechtigten #Aufschreie im Sirren der immer übertourig laufenden Erregungsmaschinerie unter. Im Netz ist immer Erregung, das sollte doch inzwischen selbst den alten Medien klar sein. Und für diese Erregung benötigt man nicht einmal mehr den Mumm, den Rasen zu betreten. Doch die Skandale, die im Gestus der Bob Dylan'schen "Wache" ("The whole wide world is watching") aufgedeckt werden, bestehen meist darin, dass irgendjemand mit dem größtmöglichsten Verstärker "Skandal" ruft. Die Verstärker werden leider oft von (uns) alten Medien gestellt.

Herfried Münkler identifiziert die Partisanenattacken, denen er ausgesetzt ist, zu Recht als Strategien "asymmetrischer Kriegsführung". Wollen wir so etwas wirklich für Diskurs und Beitrag zur Debatte einer Zivilgesellschaft halten? Haben wir es nicht vielmehr mit der Unfähigkeit zu tun, abweichende Meinung auch nur auszuhalten? Ähnlich wie bei Online-Spießern, die sich auf Twitter über den ARD-Tatort ärgern, ihn aber brav jeden Sonntag um 20.15 Uhr einschalten. Ist das die epochale Machtverschiebung, die die Welt verändern soll?

Nein, "Öffentlichkeit" entsteht so nicht. Diskurs nicht. Aufklärung nicht. Wohl aber Argwohn, Misstrauen, schlechte Laune, Diskussionsverweigerung: Wozu noch miteinander reden, wenn man sich im Kollektiv von Mit-Entrüsteten auf der Seite der Guten fühlen kann? Alle, die den ebenso flüchtigen, oft ungerechten, ja denunziatorischen Internet-Erregungen gerade so gerne hinterherschreiben, sollten dabei Jaron Laniers Diktum beherzigen: "Ein Kollektiv auf Autopilot kann ein grausamer Idiot sein."

© SZ vom 22.05.2015

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