Netzkolumne:Wie man Produktivität vorspielt

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Netzkolumne: Rüttel die Maus! Kissyees Maus-Jiggler-Mover simuliert den tätigen Angestellten.

Rüttel die Maus! Kissyees Maus-Jiggler-Mover simuliert den tätigen Angestellten.

(Foto: Kissyee/Amazon)

Seit Home-Office zur Regel geworden ist, werden Mitarbeiter von ihren Firmen verstärkt kontrolliert. Der verlangte Fleiß lässt sich simulieren.

Von Michael Moorstedt

Im 23. Monat der Pandemie ist das Home-Office vom Novum zur Regel geworden. Groben Schätzungen zufolge waren im Laufe der zurückliegenden beiden Jahre global bis zu 500 Millionen Büroarbeiter gleichzeitig Heimarbeiter, je nachdem, in welcher Region der Welt die Corona-Wellen gerade hochwogten oder abebbten. Während in der ersten und sogar der zweiten Infektionswelle aufgrund von mangelnder Erfahrung viel improvisiert wurde, existieren mittlerweile Routinen, die das Arbeiten von zu Hause erleichtern. Neue Kollegen werden via Videokonferenz angeheuert und kündigen mittels derselben. Selbst die banalsten Bürorituale wurden in die neue und gleichermaßen verlässlich banale Welt der Virtualität verlagert. Es hätte so schön sein können. Wären da nicht die Vorgesetzten.

Laut einer aktuellen Studie haben 60 Prozent der deutschen Unternehmen seit der Umstellung auf hybride Arbeitsformen Maßnahmen zur Kontrolle der Mitarbeiterproduktivität entweder bereits eingeführt oder planen, diese einzuführen. Dazu gehört etwa das Überwachen eingehender E-Mails, der Einsatz von Webcams zur Videoüberwachung oder Software, die misst, ob der Mitarbeiter auch regelmäßig tippt oder seine Maus bewegt.

Und der Beobachter ist sich gar nicht sicher, was ihn mehr erstaunt: die schiere Dreistigkeit der Überwachung an sich oder doch eher, was für ein simples, ja beinahe tayloristisches Verständnis von Produktivität sich in ihr offenbart. Als könnte Wertschöpfung in der Wissensgesellschaft durch mechanische Bewegung gemessen werden.

Eine Kakofonie der Produktivitätssignale soll den Chef davon überzeugen, dass der Angestellte gerade aber echt zu tun hat

Es scheint beinahe ein Wettrüsten zu geben zwischen misstrauischen Entscheidern, die den gefühlten Kontrollverlust kaum aushalten, und den Angestellten, die sich zwar vieles aber halt auch nicht alles gefallen lassen. Das Vorspielen von Produktivität ist inzwischen regelrecht zu einer Kunstform geworden.

Der Einfallsreichtum ist dabei enorm. Da wäre etwa die Webseite http://busysimulator.com. hier kann man die Benachrichtigungstöne aller gängiger Messaging-Programme wie Outlook, Whatsapp, Slack oder Microsoft Teams als Sample abrufen - und noch dazu einstellen, wie häufig es klingeln soll. So ergibt sich eine Kakofonie der Produktivitätssignale, die jeden noch so misstrauischen Chef davon überzeugen sollte, dass der Angestellte gerade aber echt zu tun hat.

Schon ein wenig älter aber trotzdem Erwähnung findend der sogenannte Zoom Escaper. Ein Programm, dass die eigene Audioübertragung im Stil einer schlechten Datenverbindung absichtlich verschlechtert. Auch hier gibt es zusätzlich abspielbare Tonschnipsel, die noch mehr den Eindruck vermitteln sollen, dass es jetzt gerade wirklich nicht passt: Ein Echo, Baustellenlärm oder ein weinendes Baby.

Wie immer sind die Grenzen zwischen Performancekunst und ernst gemeinter Anwendung fließend. Ernstzunehmender sind dabei schon sogenannte Mouse Jiggler. Dabei handelt es sich um ein ovales Schälchen, auf das der Heimbüroarbeiter seine Maus legen kann, die dann in unregelmäßigen Abständen gerüttelt wird. Laut Herstellern gibt es seit dem Ausbruch der Pandemie einen regelrechten Boom der Geräte. Knapp 30 Euro kostet so ein Gerät. Aber immerhin ist dann auch im Home-Office wieder ein Toilettengang möglich, ohne dass der Chef Wind davon bekommt.

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Pressefoto - aus dem Bildband "The Age of Data", Verwendung nur zur Berichterstattung über den Bildband!

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