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Netzkolumne:Straßenverkauf

Während manche sich noch beharrlich gegen die Realität sträuben, versuchen andere bereits, neue Lebens- und Arbeitsformen zu finden. Die Corona-Krise hat jetzt schon ein neues Hyper-Prekariat im Netz geschaffen.

Von Michael Moorstedt

Wie geht man eigentlich mit dieser Krise um? Während manche sich noch mit der Beharrlichkeit eines trotzenden Kleinkindes gegen die Realität sträuben, versuchen andere bereits, neue Lebens- und auch Arbeitsformen zu finden. Wie es aussieht, darf sich die Kaste gut ausgebildeter Wissensarbeiter auf eine flexiblere Zukunft mit mehr Home-Office-Anteilen freuen. Doch was macht der Rest?

Wirft man einen Blick in die USA, sieht man, wie das laufen könnte. Arbeitslose Lehrer erstellen auf "Teachable" ihren eigenen Stundenplan, Köche streamen Kurse auf Twitch, einer Plattform, die mal zur Übertragung von Videospielen gedacht war. Installateure und Fitnesstrainer vermarkten ihr Wissen auf "Outschool" oder "Knowable". Wer gar nichts zu bieten hat, bittet auf "Patreon" um eine Spende. Seit Beginn der Corona-Krise verzeichnen all diese Portale einen enormen Zulauf. "Only Fans" berichtet von einer sechsstelligen Anzahl neuer Nutzer pro Tag.

Natürlich haben die Markenstrategen und Schönredner im Silicon Valley bereits ein neues Wort für dieses Phänomen erfunden. Sie nennen es die "Passion Economy" - Wirtschaftskraft durch Leidenschaft. Ein jeder verkauft nur noch Produkte und Dienstleistungen, an denen er selbst Freude empfindet. Erbaulicher wird's nicht. Leider hat das wenig mit der Realität zu tun. In Wahrheit entsteht so ein neues Hyper-Prekariat, in dem nicht einmal mehr die schlechten Rahmenverträge und Scheinselbständigkeiten der Sharing Economy den Anschein von Sicherheit geben. Jeder steht von nun an für sich selbst.

"Hustle" in "Hustle Economy" kann man mit Hektik oder Prostitution übersetzen

Sämtliche Ressourcen werden zu Geld gemacht, Wissen wie handwerkliche Fähigkeiten. Und diejenigen, die nicht über soziales Kapital verfügen, müssen in letzter Konsequenz den eigenen Körper feilbieten. Hustle Economy nennt deshalb das Tech-Magazin One Zero die Entwicklung, wobei das englische "Hustle" mit Hektik oder Prostitution übersetzt werden kann.

Das eingangs erwähnte Only Fans ist dafür bekannt, Darstellern aus der Pornoindustrie einen direkteren Zugang zu ihren Bewunderern zu ermöglichen. Die bekommen dann gegen Bezahlung exklusives Bildmaterial oder das Privileg, mit ihren Stars direkt in Kontakt zu treten. Inzwischen sind es auch Leute, die bis vor Kurzem noch einen ganz normalen Job innehatten, die sich hier gegen Geld ausziehen.

Initiativ, flexibel und unabhängig - die neue Wirtschaftsordnung setzt hinter jede Floskel aus dem neoliberalen Handbuch einen Haken. Sieht so also das Endspiel des Plattform-Kapitalismus aus? Das eingesetzte Kapital - und damit auch das Risiko - der Betreiber wird immer geringer, die Margen bleiben die gleichen. Üblicherweise werden zwischen 20 und 50 Prozent des generierten Umsatzes einbehalten.

Nur das Durchsetzungsvermögen in einem jetzt schon übersättigten Arbeitsmarkt entscheidet, wer welchen Auftrag bekommt. Und die wenigsten können ihren Lebensunterhalt damit bestreiten, dass sie sich auf den Plattformen verdingen. Auf den meisten Portalen braucht man Hunderte Abonnenten oder Unterstützer, um überhaupt auf nennenswerte Beträge zu kommen.

Die meisten werden also untergehen. Schätzungen zufolge hat mehr als die Hälfte der über 100 000 neuen Patreon-Nutzer nicht einen einzigen Unterstützer. Mal ganz davon abgesehen, dass erst einmal Selbstkosten anstehen. Wer halbwegs professionell ins Internet übertragen will, benötigt neben Hardware - Kameras, Mikrofone und Computer - auch eine entsprechende Internetverbindung. Egal, ob es sich um eine Kochsendung oder eine Strip-Show handelt.

© SZ vom 10.08.2020

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