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Netzkolumne:Ruinen-Empathie für alle

Auf der Website deepempathy.mit.edu/map kann man sich auf einem virtuellen Erdball durch Bilder von Paris, London, Amsterdam oder New York klicken, die aussehen, als hätten dort die sprichwörtlichen Bomben eingeschlagen.

Von Michael Moorstedt

Es hat die Menschen schon immer mehr interessiert und berührt, was im nächsten Weiler vor sich geht, als in weit entfernten Nationen. Im Internet ist dieser Effekt freilich noch verstärkt. Man kann eben die ganze Schlechtigkeit der Welt mit einem Klick ausblenden - und sich wieder auf die vermeintlich wichtigen Dinge konzentrieren. "Deep Empathy" nennt man am Media Lab des MIT ein Projekt, das im Internet wieder für mehr Mitgefühl sorgen soll. Und zwar ausgerechnet durch künstliche Intelligenz (KI) und neuronale Netzwerke. Kann uns eine Technologie, die sonst mit Rationalisierungszwängen und Verdrängungsängsten verbunden wird, helfen, bessere Mitmenschen zu werden?

Die Entwickler benutzen dafür eine Technik namens "Neural Style Transfer". Man kennt das Prinzip von neuartigen Apps, die den Stil berühmter Maler auf beliebige Fotos übertragen. Mit nur einem Klick erhält man dort eine Picasso-, Munch- oder Kandinsky-Version der eigenen Fotos. Für Deep Empathy hat man in ein ähnliches System Bilder aus syrischen Städten wie Homs eingespeist. Man hat die Software quasi angewiesen, die visuelle DNA der Zerstörung zu erlernen. In einer Art von Algorithmen-Airbrush überträgt es deren Charakteristika dann auf westliche Metropolen. Das Grauen aus fernen Ländern soll so nah wie möglich an die Betrachter heranrücken.

Und so kann man sich auf der Projektwebsite deepempathy.mit.edu/map auf einem virtuellen Erdball durch Bilder von Paris, London, Amsterdam oder New York klicken, die aussehen, als hätten dort die sprichwörtlichen Bomben eingeschlagen. Friedliche Straßenszenen verwandeln sich so auf Knopfdruck in Ruinenlandschaften. Man sieht nun nur noch verdunkelte Fenster und von Einschusslöchern vernarbte Fassaden, der Asphalt ist aufgebrochen, die Passanten verschwinden, Braun und Grau, das sind für die KI die Farben von Elend und Not.

Der Versuch mittels neuer Technologien und Medien Mitgefühl beim Publikum zu generieren ist freilich alles andere als neu. Zuletzt waren Virtual-Reality-Filme in "Empathiemaschinen" in Mode gekommen. VR-Start-ups ebenso wie altehrwürdige Verlage schickten ihre Kameracrews in die Slums, Bürgerkriegszonen und Epidemiegebiete dieser Welt und brachten aufwühlende 360-Grad-Filme zurück. Deep Empathy geht quasi den umgekehrten Weg. Anstatt die Katastrophe möglichst lebensecht in das heimische Wohnzimmer zu bringen, soll die eigene Umgebung ins Krisengebiet verlagert werden, um so für mehr Bindung beim Publikum zu sorgen - und natürlich auch, um deren Spendenbereitschaft zu steigern. Kontrollgruppen, denen in einem Blindtest die simulierten Bilder vorgelegt wurden, zeigten das gleiche Ausmaß an Mitgefühl wie auch bei echten Aufnahmen.

Man habe, so einer der Projektleiter, die gleiche Technik auch an Bildern von anderen Katastrophen wie Erdbeben oder Feuersbrünsten erprobt und "vielversprechende Resultate" erhalten. Zudem gibt es auf der Website noch einen Fragebogen, in der die Nutzer den Forschern einen Einblick in ihr Gefühlsleben geben sollen. Es wird eine Reihe von Bildern präsentiert mit der Frage, welches von ihnen am meisten Empathie auslöst. Das Ziel des Projekts sei es, einen "skalierbaren Weg zu schaffen, um Mitgefühl zu erzeugen". Man stelle sich einmal vor, Facebook, Google oder einer der anderen großen IT-Konzerne würde ein solches Projekt vorstellen. Der Aufschrei wäre groß, von Psychospielchen die Rede. Bei Deep Empathy hat sich eine solche Kritik bislang noch nicht eingestellt. Immerhin wird man zur Abwechslung hier ja mal zum Wohle der Menschheit manipuliert.

© SZ vom 15.01.2018
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