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Netzkolumne:Gemeinsam allein

Videochats sind zum Lagerfeuer der Moderne geworden. Man sieht sich und man spricht miteinander. Aber ist die neue Form der Kommunikation eine gute Alternative zum Beisammensein?

In der zweiten Woche der Quarantäne wundern sich viele Menschen, wie wenig sich eigentlich ändern muss, wenn man nur die nötigen Mittel hat. Zuvor noch belächelte Technologien wie Videokonferenzen ermöglichen einen Notbetrieb des gesellschaftlichen Lebens. Weder auf Kochkurse, Stand-up-Comedyshows oder Pianokonzerte muss verzichtet werden, das echte Dasein, so wie man es früher einmal kannte, wird so gut es geht durch Tele-Maßnahmen substituiert.

Was aber ist mit der, wohl gerade unter jüngeren Leuten, beliebtesten Freizeitbeschäftigung, dem gemeinsamen Abhängen vor dem und im Internet? Soll ausgerechnet der gemeinsame Medienkonsum auf der Strecke bleiben? Die Tech-Branche hat auch dafür ein Heilmittel parat.

Instagram etwa hat in der vergangenen Woche eine sogenannte Co-Watching-Funktion vorgestellt. Das bedeutet, dass Nutzer sich jetzt im Livechat gegenseitig gelikte und gespeicherte Posts und ihre Favoriten präsentieren können. Natürlich hat man sich das aber nur abgeguckt. Mit Squad existiert bereits seit einem Jahr eine App, mit der Nutzer während eines Videochats ihren Gesprächspartnern zeigen können, was auf ihrem Smartphone-Bildschirm geschieht. Die Nutzer sollen gemeinsam online einkaufen, sich Fotos oder Videos anschauen, die Formulierung eines Status-Updates abstimmen oder darüber diskutieren, ob sie bei einem Tinder-Profil nach rechts oder links wischen.

Man mag das trivial finden. Tatsächlich aber ist das Internet schon längst zu jenem dritten Ort geworden, mit dem Soziologen den Platz in der Gesellschaft beschreiben, der zwar Gemeinschaft bietet, aber auch als Ausgleich zu familiären oder beruflichen Verpflichtungen dient. Früher waren das noch Einkaufsmeilen, Biergärten oder Fitnessklubs, heute ist es eben das soziale Netzwerk. Der Branchenblog Techcrunch bezeichnet Squad deshalb auch als "App, die von allen kopiert werden wird".

Man kann natürlich auch trotz getrennter Wohnungen gemeinsam fernsehen. Kostenlose Browser-Erweiterungen wie Netflix Party oder Metastream ermöglichen es Bekannten, zusammen Videos auf Netflix oder Youtube anzusehen. Dazu öffnet sich für jeden Teilnehmer am Rand des Bildschirms ein Chat-Fenster, in das man dann hoffentlich möglichst geistreiche Kommentare schreibt.

Das Lagerfeuer der Moderne hat ein neues Stadium seines permanenten Wandels erreicht. In prädigitalen Zeiten wurde noch physische Anwesenheit auf der Couch vorausgesetzt. Dann kam, quasi als Vorgeschmack des gegenwärtigen Gebots der sozialen Distanzierung, das einsame Binge-Watching. Nun hat sich die komplette Angelegenheit virtualisiert - man ist allein und doch zusammen.

Das Freigeben des eigenen Bildschirms ist natürlich auch eine wahnsinnig private Angelegenheit. Der LCD-Screen wird zum Spiegel der inneren Befindlichkeit. Und deshalb kursieren im Netz schon die aberwitzigsten Anekdoten von verräterischen E-Mail-Betreffzeilen oder Fetischpornografie, die unabsichtlich mit der ganzen Abteilung oder gar dem Vorgesetzten geteilt wurden.

© SZ vom 30.03.2020

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