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Netzkolumne:Fauler Zauber

Wie man es auch dreht und wendet: Facebook und die an das Netzwerk angeschlossenen Unternehmen Instagram und Whatsapp sind wohl längst einfach zu groß, um die Flut an Hass und Lügen in ihren Angeboten noch effektiv bekämpfen zu können.

Von Michael Moorstedt

Man sollte ja gar nicht mehr über Werbung schreiben. Weil sie viel zu egal ist. Dann könnte man es sich auch gleich sparen, über soziale Medien zu schreiben. Weil diese ja zu einem großen Teil hauptsächlich aus Werbung bestehen und quasi ausschließlich von ihr finanziert werden. Wenn die Erschütterungen des Status quo aber so enorm sind wie in den vergangenen Tagen, lässt es sich nicht vermeiden, noch einmal über die sozialen Medien und die Werbung zu schreiben.

Wenn sich nämlich, wie gerade geschehen, unter dem Slogan "Stop Hate for Profit" ein paar Hundert Weltkonzerne und andere Unternehmen dafür entscheiden, keine Werbung mehr auf Facebook und anderen sozialen Netzwerken zu schalten, dann könnte man vermuten, dass deren Grundfesten doch etwas wanken. Der lange stumm gebliebene Mark Zuckerberg reagierte auch schnell. In einem langen Post gelobte er Besserung. Und vieles, was dort stand, las sich auch erst mal gut: mehr Schutz von Minderheiten, verschärfte Richtlinien, mögliche Warnhinweise unter fragwürdigen Inhalten, auch wenn diese von fragwürdigen Politikern stammen. Nicht so gut las sich allerdings, dass Zuckerberg, so ein Bericht des Branchenportals The Information, nur wenige Tage später in einer virtuell abgehaltenen Ansprache an die Belegschaft versicherte, dass man nicht vorhabe, etwas am grundsätzlichen Geschäftsgebaren zu verändern.

Facebook löschte im vergangenen Quartal 9,6 Millionen fragwürdige Inhalte - das hört sich nur viel an

Der Facebook-Chef bleibt damit einem Verfahren treu, das schon unzählige Generationen von Unternehmensbossen gewählt haben. Missstände so lange wie möglich leugnen und ignorieren, sie dann trotzig zugeben und Besserung geloben - und dann doch wieder weiter ignorieren.

Wie praktisch, dass das Netzwerk bereits vor einiger Zeit den ehemaligen britischen Vize-Premierminister Nick Clegg engagiert hat, um als bestens vernetzter Vizepräsident für Kommunikation aufgebrachte Regierungen rund um die Welt zu besänftigen. In einem ausufernden Post schrieb er vergangene Woche nun, Facebook sei eben ein "Spiegel der Gesellschaft" und da in dieser halt momentan Spannungen herrschten, würden sie leider auch auf Facebook ausgetragen.

Das ist eine maximal faule Ausrede. So reflektiert, darüber zu spekulieren, dass die gesellschaftlichen Spannungen zu einem nicht unerheblichen Teil durch Phänomene wie Hassbotschaften, Fake News und algorithmisch verstärkte Echokammern im sozialen Netz zurückzuführen sind, gab sich Clegg leider nicht. Die FAZ war trotzdem so freundlich und hat Cleggs Abbitte in beinahe voller Länge veröffentlicht, obwohl man sie freilich auch auf Facebook selbst hätte nachlesen können.

Interessanter war da schon ein Post auf Twitter, in dem der Journalist Charlie Warzel seine Follower nach ihren verrücktesten Ideen fragte, wie soziale Plattformen zu reformieren seien. Einiges war nicht allzu originell, etwa der Vorschlag nach mehr Schutz der Privatsphäre, anderes würde das Wesen der Plattformen grundlegend verändern, zum Beispiel der Vorschlag, dass nicht mehr maximale Viralität das oberste Designprinzip sein sollte. Am Ende blieb die ernüchternde Erkenntnis, dass Facebook und die an das Netzwerk angeschlossenen Unternehmen Instagram und Whatsapp wohl einfach zu groß sind, um die Flut an Hass und Lügen noch effektiv zu bekämpfen.

Um das einzusehen, reicht ein einfaches Zahlenspiel: Jeden Tag werden über die drei Portale mehr als 100 Milliarden Nachrichten in unterschiedlichsten Formen versandt, wie Clegg doch recht stolz schreibt. Man nehme nur mal an, dass von dieser gigantischen Masse nur ein Prozent Fake News und Hassbotschaften sind. Man nehme weiterhin an, dass es Facebook mit welchem magischen Trick auch immer gelingt, von diesem einen Prozent wiederum 99 Prozent aller zweifelhaften Nachrichten rechtzeitig zu identifizieren und zu löschen; es blieben immer noch 10 Millionen übrig. Jeden Tag. Da scheinen die 9,6 Millionen Inhalte, die laut Clegg im vergangenen Quartal von Facebook gelöscht wurden, auf einmal gar nicht mehr so eindrucksvoll.

© SZ vom 06.07.2020

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