Netzkolumne über Facebook-Ausfall:Am Abgrund

Netzkolumne über Facebook-Ausfall: Manche Menschen können auf Facebook, Instagram und Whatsapp gut verzichten. Für andere gehören die Dienste zur lebenswichtigen Infrastruktur.

Manche Menschen können auf Facebook, Instagram und Whatsapp gut verzichten. Für andere gehören die Dienste zur lebenswichtigen Infrastruktur.

(Foto: Arun Sankar/AFP)

Welche Geschichte der jüngste Totalausfall von Facebook wirklich erzählt.

Von Michael Moorstedt

Für sechs Stunden war Facebook Anfang Oktober aus dem Internet verschwunden. Die Websiten und Apps waren nicht einfach nur nicht erreichbar, sondern schienen in Gänze entrückt. Für diejenigen, die sich an der Vorfront des digitalen Fortschritts wähnen, war der Ausfall des Netzwerks und der angeschlossenen Dienste jedoch nur ein weiterer Beweis dafür, wie obsolet Facebook doch eigentlich längst ist.

Man habe, so war des Öfteren zu lesen, gar nichts vom Verschwinden der Plattform mitbekommen. Auch sehr beliebt der Scherz, das nun die sogenannten Boomer, haha, nicht mehr ihre Impf-Verschwörungstheorien untereinander teilen könnten. Instagram? Ein einziges pastellfarbenes Fegefeuer der Eitelkeiten! Nun gut, der Ausfall von Whatsapp bedeutete zwar schon ein gewisses Ärgernis. Aber nichts, wobei man sich nicht mit anderen Diensten behelfen konnte. Manche griffen gar auf SMS zurück und fühlten sich hübsch nostalgisch. So oder so sei man jedoch ohne den Konzern und seine Gewerke ganz eindeutig besser dran.

Der Ausfall geschah dieses Mal nicht aus sinistren Motiven, sondern schlicht aus Unfähigkeit

Wenn Sicherheiten wegfallen, offenbart sich aber immer auch, wer über Privilegien verfügt - und wer nicht. Für eine Vielzahl der knapp drei Milliarden Facebook-Nutzer weltweit machte sich die Desintegration von Facebook wesentlich elementarer bemerkbar, als nur durch ein bisschen weniger Verschwörungscontent. Denn für eben diese Vielzahl ist Facebook längst ein Synonym für das Internet geworden. In Ländern wie Brasilien, Kenia oder Malaysia benutzen mehr als 90 Prozent der Bevölkerung Whatsapp. In immer mehr Ländern sind die Apps des Unternehmens für Handel, Gesundheitsversorgung oder das grundlegende Funktionieren der Verwaltung längst unerlässlich geworden. Ärzte konnten ihre Patienten nicht mehr erreichen. Lokale Einzelhändler ihre Waren nicht mehr anbieten, Gemeinden ihre Bürger nicht mehr informieren.

Bereits seit 2013 bietet das Unternehmen unter dem Markennamen Internet.org - später in Free Basics umbenannt - in Kooperation mit lokalen Mobilfunkbetreibern kostenlosen Zugang zu ausgewählten Webservices. Was Mark Zuckerberg und seine Apologeten schon damals als noblen Akt der Philanthropie verkaufen wollten, galt Kritikern eher als "digitaler Kolonialismus". Eher unter den Teppich gekehrt wurde nämlich die Tatsache, dass vor allem Facebooks eigene Produkte angeboten wurden. Die Initiative verstoße gegen die Netzneutralität, und letztendlich maße sich der Konzern an, zu entscheiden, welche Dienste Teil des Internets seien und welche eben nicht.

Dass der Konzern sich auch um kritische Infrastrukturen kümmert, ist gefährlich

Zum Beispiel eine vergangenes Jahr neu veröffentlichte App namens Facebook Discover. Auch sie soll niedrigschwelligen Internetzugang ermöglichen, aber wiederholt laut einer Studie die Fehler ihrer Vorgänger: Um Daten zu sparen, entfernt Discover Video- und Audiostreaming sowie Bilder. So erhalten die Nutzer freien Zugang zu einer abgespeckten Version einer beliebigen Website. Die Forscher fanden jedoch heraus, dass Facebook über Discover in vollem Umfang zugänglich war. Der Konzern berief sich auf einen "technischen Fehler".

Ironischerweise trat nur wenige Tage nach dem Totalausfall Facebooks Technikvorstand an die Presse und verkündete, wie erfolgreich der Konzern doch sei, beim Vernetzen der Welt. Zu den Anstrengungen gehören etwa Tausende Kilometer an Tiefseekabeln oder ein spinnenartiger Roboter, der entlang von überirdischen Stromleitungen automatisch Glasfaserverbindungen legt. All das dient mindestens zu gleichen Teilen der Ausweitung von Marktanteilen wie auch einem höheren Wohl. Doch wenn der Konzern die ohnehin schon drängenden Probleme nicht gelöst bekommt, dann sollte er vielleicht nicht unbedingt kritische Infrastrukturen bereitstellen. Auch wenn der Ausfall dieses Mal nicht aus sinistren Motiven geschah, sondern schlichtweg aus Unfähigkeit.

Zur SZ-Startseite
Logo der Online-Plattfrom Loot

Digitale Fantasy-Plattform "Loot"
:40 000 Euro für ein Wort

Digitalpionier Dominik Hofmann hat mit "Loot" eine Fantasy-Plattform geschaffen, bei der jeder mitgestalten und zugleich Geld investieren kann - NTF-Spekulanten sind begeistert.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB