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Netzkolumne:Endspiel

Lee Sedol beim Turnier 2016 gegen die künstliche Intelligenz AlphaGo.

(Foto: YONHAP/REUTERS)

Lee Seedol galt als bester Go-Spieler der Welt. Dann verlor er gegen ein Computerprogramm. Nun hat er seinen Rücktritt bekannt gegeben. Das wirft die Frage auf, wer sich eigentlich wirklich wegen KI um seinen Job fürchten muss - und wer nicht.

Der Mann war mal ein Star. Jahrhunderttalent, stärkster Spieler der Welt. Der Südkoreaner Lee Sedol war so etwas wie der Lionel Messi des Go. Doch dann traf er auf ein Computerprogramm namens AlphaGo. Eine Serie von fünf Partien Mensch gegen Maschine war angesetzt, von denen die Maschine vier gewann.

Es ist die klassische Geschichte des gefallenen Helden. Los ging's mit Hybris - Lee hatte vor dem ersten Match erklärt, er werde haushoch gewinnen -, es folgte Unglauben, dann Bestürzung darüber, unterlegen zu sein, und schließlich die öffentliche Entschuldigung. Das war 2016. Nun hat Lee seinen Rücktritt angekündigt.

Es werde von nun an immer eine Entität geben, die nicht besiegt werden kann, egal, wie sehr er sich anstrenge, begründete er seine Entscheidung. Tatsächlich hat Deep Mind bereits einen Nachfolger zu AlphaGo vorgestellt. Das so übermächtige Programm konnte gegen seine eigene Weiterentwicklung in hundert Partien nicht eine einzige gewinnen. Bei solchen Aussichten lässt sich Lees Rückzug aufs Altenteil gut nachvollziehen. Für den kommenden Monat hat er noch ein Abschiedsspiel angesetzt, wieder gegen eine KI. Wie um die Schmach noch zu erhöhen, bekommt er dafür sogar zwei Züge Vorsprung. Er werde trotzdem verlieren, so Lee. Und sowieso verfolge er die Entwicklungen in dem Sport, dem er sein ganzes bisheriges Leben gewidmet hat, nicht mehr.

Von prometheischer Scham, wie sie der Philosoph Günther Anders den Menschen angesichts der Übermächtigkeit seiner eigenen Schöpfungen unterstellte, war im Gesicht des jungen Go-Spielers nichts zu sehen. Dabei könnte Scham ja auch produktiv sein, aus ihr heraus kann so etwas wie eine Trotzreaktion erfolgen, ein "Jetzt erst recht!". Lee zeigt dagegen nicht mehr als ein existenzielles Schulterzucken ob der eigenen Obsoleszenz.

Von "Metropolis" über "Blade Runner" bis hin zu Pixars "Wall-E" wimmelt es in der Science-Fiction nur so von Zukunftsszenarien, in denen eine Menschheit, die, durch superpotente Maschinen von sämtlichen physischen Nöten und Zwecken befreit, moralisch und geistig vor sich hin degeneriert. Lees Geschichte ist deshalb ein Vorbote dessen, was uns vermeintlich allen blüht. Was passiert, wenn die Automatisierungswelle vom bloßen Schreckensszenario zur Realität wird? Was machen wir, wenn wir von Maschinen ersetzt werden? Können wir etwas daraus lernen? Und vor allem: Was macht man danach?

Es wird keineswegs die manuelle, ungelernte Arbeit sein, die von den Maschinen ersetzt wird

Norbert Wiener, der Urvater der Kybernetik, beschrieb in seinem Buch "Mensch und Menschmaschine - Kybernetik und Gesellschaft" noch die Hoffnung, dass die Befreiung von manuellen Aufgaben hin zu einer vermehrten Beschäftigung mit Kreativität führen werde. Wenn es erst einmal die voll automatisierte Fabrik gibt, könnten sich die Menschen der Wissensarbeit und den schönen Künsten widmen. Was sich Wiener damals noch nicht hat vorstellen können: Auch diese Disziplinen werden heutzutage zusehends von Computerprogrammen übernommen. KIs können Bilder malen oder Gedichte schreiben.

Wieners Vorhersage wird wohl auch in einem weiteren Punkt nicht eintreffen: Anders als bislang angenommen ist es einer neuen Studie des Brookings Institute zufolge nämlich keineswegs die manuelle, ungelernte Arbeit, die von den Maschinen ersetzt wird. Denn mit der echten Welt tun sich pseudointelligente Computer auf weithin absehbare Zeit schwer. Autos im dichten Stadtverkehr zu steuern ist etwa sehr viel diffiziler, als es die entsprechenden Wirtschaftslenker noch bis vor Kurzem glauben ließen. Sehr viel besser kommen die Maschinen mit den Abstrahierungen der Welt klar. Mit Zahlen, mit Projektionen, Ableitungen und nicht zuletzt Lernen.

Angestellte mit Bachelor-Abschluss haben demnach eine fünfmal höhere Chance, mit konkurrierender KI konfrontiert zu werden, als solche, die nur einen Realschulabschluss haben. Vielleicht ist das ja unsere wahre Perspektive: Während die Maschinen all die hoch bezahlten Stellen übernehmen, prügelt sich die Menschheit um die wenigen noch verbliebenen Niedriglohn-Jobs.

© SZ vom 02.12.2019

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