Süddeutsche Zeitung

Netzkolumne:Speichern? Echt? Wo denn?

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Macht Nutzerfreundlichkeit von Computern die Anwender zu digitalen Analphabeten? Die neue Generation der Digital Natives jedenfalls scheint gewisse Wissenslücken zu haben.

Von Michael Moorstedt

Wer mal in verständnislose Gesichter blicken will, der versuche einfach, jüngeren Kindern zu erklären, dass der Kunststoffklumpen mit der Wählscheibe noch vor wenigen Jahren dem gleichen Zweck diente wie das schimmernde Smartphone, das sie sich so sehnlichst zu Weihnachten wünschen. Oder dass eine Schreibmaschine nicht nur als Dekoelement im Retro-Wohnzimmer nützlich sein kann, sondern tatsächlich mal eine wichtige Funktion innehatte.

Ähnlich verhält es sich mit einer Geschichte, die vor einigen Wochen das Technik-Portal The Verge berichtete. Darin kamen Universitätsprofessoren zu Wort, die in der letzten Zeit ein recht spezielles Problem dabei haben, ihren Lehrstoff zu vermitteln. Den Studenten mangelt es dabei nicht an Aufmerksamkeit oder Ehrgeiz, trotzdem hätten sie immer häufiger Schwierigkeiten damit, Arbeitsaufträge pünktlich oder überhaupt abzuliefern. Weil sie die dafür benötigten Dateien gar nicht erst finden. Die Idee, dass sich eine auf einem Computer gespeicherte Datei auch irgendwo auf diesem Computer befindet, und zwar an genau einem bestimmten Ort konnten sich die jungen Leuten nicht vorstellen.

Die Tech-Hersteller haben das Nutzererlebnis immer weiter vereinfacht. Die Nutzer werden im Gegenzug zu Konsumenten.

Natürlich handelt es sich hier nur um anekdotische Evidenz. Die Klagen gestresster Pädagogen könnten aber trotzdem ein Frühwarnsignal für ein tieferliegendes Problem sein. Denkt man das Phänomen zu Ende, könnte die kommende Generation, die von Anfang an digitalen Services und elektronischen Gadgets ausgesetzt ist, paradoxerweise auch die erste Generation sein, die in Sachen Medienkompetenz weniger wief ist als ihre halbanalogen Vorfahren.

Um immer größere Bequemlichkeit zu gewährleisten, haben die Tech-Hersteller in den letzten Jahren versucht, das Nutzererlebnis immer noch weiter zu vereinfachen. Anstatt sie in einem strukturierten Verzeichnis darzustellen, verstecken moderne Apps und Programme die Dateien. Ein iPhone hat nach wie vor kein Dateimanager-Programm. Man drückt halt auf ein App-Icon, wenn man etwas von dem Gerät will. Wird tatsächlich mal ein bestimmtes File benötigt, bemüht man die Suchfunktion. In welchem Ordner die entsprechenden Dateien stecken, ist dabei doch völlig einerlei. Oder? Im Gegenzug wird der Nutzer zum Konsumenten.

Denn nur weil die sogenannten Digital Natives einen intuitiven Zugang zu Technik haben und das Tablet-Passwort selbst eingeben können, nachdem sie die Eltern einmal dabei beobachtet haben, bedeutet das noch lange nicht, dass sie automatisch auch die Vorgänge im Inneren der Maschinen verstehen. Das ist aber spätestens dann nötig, wenn es um mehr als Basisfunktionen geht. In einer Studie, die das Computerverständnis von Mittelstufenschülern international untersuchte, kamen nur zwei Prozent der Jugendlichen auf den höchstmöglichen Rang. Anstatt als künftige Programmierer, als die jeder Bildungspolitiker die jungen Leute sieht, könnten viele von ihnen genauso gut als IT-Analphabeten enden.

Das Dilemma zwischen Professoren und Studenten bleibt jedenfalls weiterhin bestehen. Unklar ist etwa die Frage, wer sich nun anzupassen hat? Die Jungen an tradierte Formen der Repräsentation oder die Alten an einen veränderten Umgang mit den Geräten selbst. Das Missverständnis beginnt ja schon bei der simpelsten Semantik: Das Icon für "Datei öffnen" ist in so gut wie allen Office-Programmen tatsächlich noch eine Aktenkladde. Selbst das allgemeingültige Symbol für "Speichern" ist spätestens für die Jahrgänge nach 1990 nicht mehr als eine Hieroglyphe. Weil es nämlich immer noch eine Diskette darstellt - ein Objekt, das diese Menschen allenfalls mal auf dem Dachboden haben verstauben sehen. Direkt neben Wählscheibentelefon und Schreibmaschine.

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