Netz-Kritik Eine stille Revolution

Yvonne Hofstetter, die starke Kritikerin des Internet, warnt auf der Buchmesse vor Hybris und Gleichgültigkeit. Und hat Tipps zum Widerstand. Etwa: die Maschinen verklagen.

Von Jens-Christian Rabe

Die Frankfurter Buchmesse ist kein Ort, um komplizierte Dinge zu erklären. Man darf es dafür aber sehr oft hintereinander versuchen. Die trägen Massen, die sich durch die engen Gänge schleppen, sind hoffnungslos reizüberflutet, und wer sich an einem Stand niederlässt, an dem gerade ein Gespräch stattfindet, tut es oft unübersehbar eher aus Erschöpfung denn aus echtem Interesse.

Man braucht eine sehr ordentliche Portion Bierruhe, wenn man als Autor auf dieser Messe von Interview zu Interview gereicht wird, um über sein Buch zu reden. Oder eine echte Mission. Besser, man hat beides. So wie die Autorin und Software-Unternehmerin Yvonne Hofstetter, die in Frankfurt übrigens auch noch ein Arte-Filmteam im Schlepptau hatte. Gerade ist ihr neues Buch erschienen: "Das Ende der Demokratie - Wie die künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt" (C. Bertelsmann).

Es ist dem Europäischen Parlament gewidmet, und die Unbescheidenheit befremdet im ersten Moment natürlich ein wenig. Aber die 50-jährige Münchnerin, die nach ihrem Jura-Studium erst eine Weile als Hotelmanagerin arbeitete, bevor sie in der Technologie-Branche landete, ist dann doch alles andere als eine größenwahnsinnige Alarmistin. Eher eine freundliche Person mit außergewöhnlich festem Händedruck, die angesichts ihrer Botschaft fast irritierend unaufgeregt wirkt.

Der reißerische Titel des neuen Buches sei ein Vorschlag des Verlags gewesen. Und auch die Erwähnung, dass der ehemalige Herausgeber der FAZ und bis zu seinem überraschenden Tod vor zwei Jahren wahrscheinlich prominenteste Digitalisierungskritiker des Landes, Frank Schirrmacher, sie einmal eine der "Schlüsselfiguren bei der Debatte um unsere gesellschaftliche Zukunft" nannte, scheint ihr eher etwas unangenehm zu sein. Und als Feindin der Technik möchte sie schon gar nicht verstanden werden, immerhin analysiere sie im Hauptberuf mit ihrem Unternehmen Teramark für staatliche Kunden und die Industrie große Datenmengen.

Angesichts der Dynamik der laufenden Diskussion um die Digitalisierung, bei der einen entweder schon zarteste Skepsis zum Feind der Zukunft oder ein Hauch Technikoptimismus zum Sklaven des Silicon Valley macht, ist Hofstetters ostentative Zurückhaltung bei der Selbstkategorisierung natürlich verständlich. Ihr Buch und ihre Einlassungen im Gespräch sind allerdings unmissverständlich. "Das Ende der Demokratie" ist ein sehr gutes Buch, das einem sehr schlechte Laune macht.

Es handelt von der Digitalisierung als einer "stillen Revolution", die via Apps und Smartphones dafür gesorgt hat, dass künstliche Intelligenz inzwischen so weit in unseren Alltag vorgedrungen ist, dass eine schleichende Entmündigung zu beobachten ist: "Smartphones sind Messgeräte, mit denen man auch telefonieren kann. (. . .) und wir nutzen sie, als gäbe es kein Morgen." Dabei entstünden riesige Datenmengen, die denen, die sie analysierten, nicht nur detailliert Rückschlüsse auf jedes Individuum erlaubten, sondern auch auf die Gesellschaft als Ganzes.

Und anders als noch vor wenigen Jahren sei die systematische Auswertung der Daten keine Zukunftsvision mehr. Die künstliche Intelligenz mache vielmehr rasend Fortschritte. Längst beurteilten und prognostizierten Maschinen "menschliches Verhalten im Alltag, die Gesundheit, Kreditrisiken, das Konsum- und Wohnverhalten". Und all diese Daten seien auch noch in der Hand gigantischer privatwirtschaftlicher Konzerne wie Google oder Facebook. Die Frage also, so Hofstetter, ob die Digitalisierung noch zum Besten gewendet werden könne, sei eine der großen Fragen des 21. Jahrhunderts.

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Ob das angesichts der mächtigen Hybris der Technologen einerseits und der offensichtlichen Gleichgültigkeit der Massen andererseits wirklich noch möglich ist, darüber kann man bei der Lektüre der nüchtern-präzisen Ausführungen etwas verzweifeln - und möchte hinterher das Buch gleich selbst schleunigst ins Europäische Parlament bringen.

Die Juristin Hofstetter hat nämlich nicht zuletzt angesichts des jüngsten Steuerverfahrens gegen Apple ein fast rührendes Zutrauen in die europäische Politik. Und sie hat ein paar Ideen, die im Buch irgendwann überhaupt nicht mehr so irrsinnig erscheinen, wie sie klingen, wenn man sie hier so kurz zusammenfassen muss: Man sollte etwa über ein erweitertes Klagerecht gegen Maschinen nachdenken, die Gratisökonomie beenden und - doch, doch - in Europa ein zweites und öffentliches Internet installieren.

Bis es so weit ist, rät Hofstetter übrigens jedem Einzelnen, sich zu etwas mehr Unbequemlichkeit durchzuringen. Sie selbst benutze ein altes Mobiltelefon, mit dem man nur telefonieren und SMS schreiben könne, sie sei nicht bei Facebook, verwende Suchmaschinen so wenig wie möglich und vernetze keine Haushaltsgeräte.