bedeckt München
vgwortpixel

Netz-Depeschen:Wie tickst du?

Dass manche nicht verstehen, wie Tauschhandel im Web 2.0 funktioniert, machen sich via Facebook viele zunutze: Selbst hinter dem so beliebten wie nervigen Spiel Farmville steckt ein Sicherheitsproblem.

Ach, Facebook. Du kannst doch auch nichts dafür. Dass manche eben nicht verstehen, wie Tauschhandel im Web 2.0 funktioniert. Dabei ist es so einfach - die Nutzer geben dem Unternehmen Hoheit über ihre Daten und anderes vermeintlich Unwichtiges. Dafür stattet Facebook sie mit einem prima Zeitvertreib aus, der als der Welt größtes soziales Netzwerk firmiert.

Virtueller Bauernhof Farmville auf Facebook boomt

Bei Farmville werden Erdbeeren und Bäume gepflanzt, Kühe gemolken und ein Bauernhaus gebaut. Im Online-Netzwerk Facebook ist das Spiel zu einem Massenphänomen geworden: Millionen virtuelle Bauern aus aller Welt beackern ihr kleines Stück Internet-Land - Tendenz steigend. Doch Verbraucherschützer warnen.

(Foto: dpa)

Wie so oft ist diese Transaktion für die eine Partei profitabler als für die andere. Wer darauf eingeht, könnte man meinen, ist selbst schuld. Wenn sich jetzt, wie in der vergangenen Woche geschehen, zwei besorgte amerikanische Abgeordnete mit einem Brief an Facebookgründer Mark Zuckerberg wenden, um mehr über den Datenschutz herauszufinden, bedeutet das nicht, dass die Volksvertreter auf einmal vermeintlich alteuropäische Tugenden wie Privatsphäre für sich als Wahlkampfthema entdeckt haben. Sondern, dass die Datenlecks und die zwanghafte Neugierde von Zuckerbergs Netzwerk selbst für die in dieser Sache sonst so laxe US-Politik kaum mehr erträgliche Auswirkungen annimmt.

Fast scheint es, als sei das Unternehmen nur in den Schlagzeilen, wenn mal wieder ein Datenleck entdeckt wird. Oder, wenn es neue Rekordnutzerzahlen zu verkünden gibt. Die Menschen lassen sich nicht von den Negativschlagzeilen abschrecken.

Wie das Wall Street Journal in der vergangenen Woche berichtete, senden und sammeln alle der zehn beliebtesten Facebook-Applikationen mehr oder weniger Daten ihrer Nutzer und verscherbeln die Informationen teilweise auch an Werbenetzwerke. Besonders pikant ist daran, dass nicht nur Programme von offensichtlich obskuren Anbietern darunter sind, sondern auch das ebenso beliebte wie nervige Spiel Farmville. Mittlerweile belästigen mehr als 60 Millionen Nutzer ihre Freunde mit dem Programm.

Vermeintlich harmlose Lebensvereinfacher

Das Sicherheitsproblem beschränkt sich aber nicht auf Facebook, auch Applikationen für das Handybetriebssystem Android sind betroffen. Die vermeintlich harmlosen Lebensvereinfacher senden, wie vor kurzem bekannt wurde, gerne sensible Daten und Aufenthaltsorte der Handynutzer an fremde Server. In einer Stichprobe waren die Hälfte der Programme von Spyware verseucht. Schon längst herrscht im Internet unter der sichtbaren Oberfläche eine zweite Schicht aus Analysetools, die den Weg der User zu Werbezwecken nachzeichnen. Die herausfinden wollen, wie der User tickt. Die Antwort wird dann in Datenbanken zu Bewegungsprofilen erstellt.

Auf manchen Seiten tummeln sich mehr als Dutzend dieser sogenannten Tracker. Der Privatisierungsdienst Ghostery listet mehr als 200 Unternehmen auf, die ihr Geld mit der automatisierten Spionage verdienen.

Manchmal muss Feuer mit Sprengstoff bekämpft werden. Und so kann sich der von den neugierigen Programmen geplagte Nutzer an Google wenden - auch nicht gerade ein Musterknabe in Sachen Datenschutz. Für den konzerneigenen Chrome-Browser gibt es jetzt zumindest eine Erweiterung, namens Facebook Disconnect, die sämtliche Kommunikation anderer Webseiten mit dem Zuckerberg-Netzwerk unterbindet.

Das hat aber wohl weniger mit dem Altruismus von Google zu tun als vielmehr damit, dem Konkurrenten Facebook zu schaden.

Google und Co beim Start

Einst hässlich, heute berühmt

© SZ vom 25.10.2010/rus
Zur SZ-Startseite