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Netz-Depeschen:Von einem klügeren Wesen

Klar, das Internet schafft kulturelle Verwüstung und kollektiven Analphabetismus. Das haben schon die alten Griechen kommen sehen.

Alex Rühle

Dem Eiferer eignet ja immer etwas Endzeitliches. Da die Endzeit es aber an sich hat, so einmalig wie spektakulär zu sein (schließlich ist die Welt noch nie zuvor untergegangen, jetzt aber ist es so weit), kommt es dem Eiferer selten bis gar nicht in den Sinn, seinen eigenen Feldzug gegen dieses oder jenes weltverwüstende, moralzerstörende Element mit früheren Endzeitdiskussionen zu vergleichen.

Der geduldige Sokrates (Foto aus dem gleichnamigen Theaterstück): Wie sich seine Schriftkritik und die heutige Internetkritik doch gleichen.

(Foto: Foto: SZ)

Nun würde niemand behaupten, dass das Internet direkt das Ende der Welt bringt, aber der Furor, mit dem oft Verdummung, kultureller Gedächtnisverlust und Internet ineinsgerührt werden, hat eindeutig etwas Eiferndes, insinuieren die meisten dieser Texte doch, dass wir uns auf einer road to hell befinden, hinter deren Pforten kulturelle Totalentropie und kollektiver Analphabetismus warten. Vielleicht das beeindruckendste Beispiel: http://www.theatlantic.com/doc/200807/google. Um so heilsamer, wenn einen dasselbe Bedrohungsszenario plötzlich aus einem uralten Text anschaut, in dem die kulturelle Verwüstung nicht vom Internet, sondern von der Schrift ausgeht.

Das geschieht in dem Buch "Edición 2.0 Sócrates en el hiperespacio" des spanischen Soziologen Joaquín Rodríguez López (Editorial Melusina), aus dem der Nouvel Observateur nun ein Kapitel abgedruckt hat: "Internet rend-il idiot?" (http://bibliobs.nouvelobs.com). Darin werden Sokrates' Hauptargumente gegen die Schriftkultur dergestalt herauspräpariert, dass man meinen könnte, heutige Internetkritiker seien nichts als Platons Bauchredner.

Im Phaidros, einem der mittleren Platon-Dialoge, betrauert Sokrates die Verschandelung des Wissens und überhaupt aller Kultur durch die Erfindung der Schrift. Geschickter Kulturkritiker, der er war, kritisiert Sokrates die Schrift gar nicht selber, sondern lässt andere den Job für sich erledigen: Er zitiert einen Mythos um Theut, eine Gottheit, die den Ägyptern die Mathematik, die Sternenkunde, das Brettspiel und zu guter Letzt auch die Schrift geschenkt habe. Theut habe all diese Erfindungen dem damaligen König Thamus zu Füßen gelegt und jeweils dazu gesagt, was es mit dieser und jener Kunst auf sich habe. Die Schrift pries er ihm an als "Hilfsmittel für das Erinnern sowohl als für die Weisheit".

Thamus aber erwiderte: Rechnen, Astronomie, Brettspiel, fabelhaft, aber diese sogenannte Schrift sei ja nun eine gänzlich hirnrissige Erfindung, nicht weiser werde sie die Leute machen und auch nicht erinnerungsfähiger, sondern, im Gegenteil, vergesslicher. Außerdem gebe einem die Schrift das trügerische Gefühl, alles zur Hand zu haben, bloß weil man von nun an gigantische Papyrushaufen voller Informationsgerümpel durchstöbern kann, was aber nun wirklich nichts mit eigenem Wissen zu tun hat. Nur im Dialog, so Sokrates' triumphierender und reichlich monologischer Schluss, könne der Mensch sich von einem klügeren Gegenüber Wissen aneignen. Phaidros verstummt beeindruckt, beide gehen ab.

Nun haben andere Geisteswissenschaftler schon auf die strukturellen Ähnlichkeiten von Sokrates' Schriftkritik und heutiger Internetkritik hingewiesen. Selten aber kam das Ganze derart unterhaltsam daher wie bei López. So wunderte sich beispielsweise bisher niemand darüber, dass Phaidros, der zu Beginn des Dialogs den lebhaft-aufbrausenden Gegenpart stellt, am Ende zum dämlichen Abnicker der sokratischen Argumente wird. López erklärt das damit, dass der junge Phaidros in Sokrates schnell einen dieser kulturkritischen Stiesel erkannt hat, die der Jugend mit den immergleichen Argumenten kommen.

Wahrscheinlich, so López, hört Phaidros ihm am Ende gar nicht mehr richtig zu, sondern nutzt währenddessen das neue Medium und schreibt unter der Hand einem Freund ein Papyrusschnipsel über diesen bizarren Alten, der keine Ahnung vom Schreiben habe, ja es nicht mal lernen wolle, und verlinkt den Text am besten noch mit ein paar Zitaten aus anderen Schriftrollen.

© SZ vom 13.7.2009/jeder/rus

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