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Netz-Depeschen:Vom schlechten Ton

Das Netz ist kein Raum ohne rechtliche Regeln, aber oft genug ohne Anstand und zivilisierten Umgangston. Ein Paradies für Chauvinisten und Sexisten.

Niklas Hofmann

Nein, es stimmt nicht, dass Kinderpornografie "im echten Leben nicht möglich" sei, im Internet aber schon. Und dass das Netz keinesfalls ein "rechtsfreier Raum" ist, werden Deutschlands Fachanwälte für IT-Recht gerne jedermann bestätigen. Es waren tatsächlich kritikwürdige Sätze, die einer Spiegel-Redakteurin da am sehr frühen Morgen herausgerutscht waren, als sie vergangene Woche im Frühstücksfernsehen die Titelgeschichte "Netz ohne Gesetz" ihres eigenen Magazins kommentieren sollte.

Am Wahlplakat der Politikerin Vera Lengsfeld arbeiteten sich die Kommentatoren mit Gehässigkeiten auf Pennälerniveau an der Körperlichkeit der 57-Jährigen ab.

(Foto: Foto: dpa)

Wie aber danach mit diesem Lapsus in den Kommentarspalten der führenden deutschen Weblogs umgegangen wurde, das ließ fast annehmen, einige der Blog-Leser wollten partout beweisen, dass das Netz wo schon kein Raum ohne Recht, so aber doch einer ohne Anstandsregeln sei. Ob in den Kommentaren bei Netzpolitik, im Lawblog oder bei Stefan Niggemeier, überall, wo das Youtube-Video des Auftritts verlinkt wurde, schütteten User kübelweise chauvinistische Herabsetzungen über der jungen Journalistin aus, die größtenteils um ihr Alter, ihre Haarfarbe und ihr Aussehen kreisten. Die permanente Betitelung als Praktikantin war noch harmlos, bei Twitter ging es hin zu sexistischen Anmachsprüchen.

Ein solcher Umgangston, der einem in der Kneipe eine Ohrfeige, in anderen Zusammenhängen eine Beleidigungsklage einbringen würde, ist zwar in den Kommentarspalten der Blogosphäre nicht der allein dominierende, er bildet aber doch ein stetes Hintergrundrauschen, das gewaltig anschwellen kann, wenn ein Zielobjekt geboten wird. Dass die von jungen Männern geprägte Netzgesellschaft hier gelegentlich an einem Mindestmaß an Zivilität des Diskurses scheitert, den im Offline-Alltag ja auch keine Zensurbehörde erst mühsam erzwingen müsste, macht auch einige Protagonisten der digitalen Welt selbst nachdenklich.

"Es ist heute, online, ungleich einfacher, sich wirkungsvoll schlecht zu benehmen", räumt Christian Stöcker in einem lesenswerten Essay bei Spiegel Online ein. Nicht aber am Internet, so Stöcker, sondern an der Erziehung der Nutzer liege das. Hier anzusetzen versuchte Johnny Haeusler von Spreeblick, der seine Kommentatoren jüngst mahnte, man solle doch "den Ton so halten, wie man ihn auch im echten Leben hielte".

Anlass dafür bot die Häme über jenes Wahlplakat der Berliner CDU-Politikerin Vera Lengsfeld, das sie tief dekolletiert an der Seite Angela Merkels zeigt. Statt an den politischen Vorstellungen Lengsfelds, die viel Angriffsfläche böten, arbeiteten sich auch hier die Kommentatoren vielerorts mit Gehässigkeiten auf Pennälerniveau an der Körperlichkeit der 57-Jährigen ab. Auf Lengsfelds Blog wurden die Kommentare daraufhin zumindest zeitweise geschlossen - was ihr prompt den Zensurvorwurf einhandelte. Spreeblick-Autor Frédéric Valin konnte angesichts ihn abstoßender Äußerungen unter seinem Blogeintrag zum Lengsfeld-Plakat die andere Seite verstehen: "Das Erschrecken vor dem unzivilisierten Raum ist meiner Meinung nach auch der Hauptgrund, warum viele Offliner glauben, das Netz sei ein rechtsfreier Raum."

© SZ vom 17.8.2009/jeder

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