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Netz-Depeschen:Profiteur des Verbrechens

30 Millionen Kleinanzeigen erscheinen monatlich auf der Internetseite Craigslist. Vor zwei Wochen stand ein kleiner dunkler Balken über dem Link zu den "Diensten für Erwachsene". "Zensiert" war da zu lesen.

Niklas Hofmann

Craig Newmark ist ein Minimalist. Die Internetseite Craigslist, die er vor 15 Jahren als eine Art Schwarzes Brett für Künstler und Veranstalter in der Region von San Francisco gegründet hat, ist längst das erfolgreichste Medium für Kleinanzeigen in den USA. Ein Klick auf die Seite gibt einem aber das Gefühl, man habe soeben eine Zeitreise ins Jahr 1995 angetreten: Eine bilderfreie weiße Seite, auf der sich die Anzeigenrubriken dicht an dicht drängen - das Design schmucklos zu nennen, wäre noch untertrieben.

Vorschau: Welthurentag

Schätzungen zufolge hat die Craigslist in diesem Jahr 45 Millionen Dollar mit schlüpfrigen Anzeigen verdient hat. Das macht es leicht, der Seite vorzuwerfen, man verdiene Geld mit Menschenhandel und Gewalt gegen Frauen. 

(Foto: ddp)

So fiel in der vorvergangenen Woche den Hunderttausenden Benutzern, die die Seite in den USA täglich aufsuchen, ein kleiner dunkler Balken sofort auf. "ZENSIERT" war darauf zu lesen, genau an der Stelle, an dem normalerweise der Link zu den so genannten "Diensten für Erwachsene" zu finden ist. Craigslist hatte den Zugang zu den Erotikanzeigen gesperrt, offenbar freiwillig, aber unter Protest. Vorangegangen war eine jahrelange Auseinandersetzung mit den Justizbehörden verschiedener Bundesstaaten, die dem Unternehmen die Begünstigung von Prostitution vorwarfen.

30 Millionen Kleinanzeigen erscheinen monatlich auf Craigslist. Wie viele davon Erotik-Anzeigen sind, gibt die Seite nicht bekannt. Die Beratungsfirma AIM Group schätzt, dass in diesem Jahr Einnahmen von 45 Millionen Dollar aus den schlüpfrigen Annoncen erzielt werden könnten, dreimal mehr als 2009. Das macht es den Generalstaatsanwälten leicht, Craigslist als Profiteur des Verbrechens zu brandmarken. Ihr Wortführer Richard Blumenthal aus Connecticut, der Senator werden will, sagt, dass Menschenhandel, Kindesmissbrauch und Gewalt gegen Frauen durch Craigslist gefördert würden. Menschenrechtsorganisationen pflichten den Juristen bei.

Matt Zimmermann von der Electronic Frontiers Foundation dagegen sieht einen Angriff auf die freie Meinungsäußerung im Netz. Benjamin Popper von TheAtlantic.com bezeichnet den alerten Blumenthal als "Technologie-Torquemada", und betont, dass Craigslist ja erst auf Drängen der Strafverfolger damit begonnen habe, für die einst kostenlosen Erotik-Anzeigen Geld zu nehmen. Viele Blogger bezweifeln, dass ein Verschwinden der Anzeigen bei Craigslist etwas an der Lage der Prostituierten ändere, zumal der Dienst trotz seiner Größe kein Anzeigenmonopol habe.

Ende der Woche verschwand das Zensur-Schild nun zwar wieder, aber auch die Anzeigen der Prostituierten waren nicht mehr auffindbar. Dass sie verschwunden sind, glaubt kaum jemand. Wahrscheinlich sind sie in unauffälligere Ecken entfleucht, irgendwo zwischen den Millionen Annoncen auf den schlichten weißen Seiten des Craig Newmark.NIKLAS HOFMANN

© SZ vom 13.09.2010/kar
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