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Netz-Depeschen:Piratinnen aller Länder vereinigt euch!

Geht es nach ihrem Grundsatzprogramm, stemmt sich die Piratenpartei gegen geschlechterspezifische Diskriminierung wie kaum jemand anderes - sie lehnt sogar die Unterscheidung in Mann und Frau ab. Umso komischer ist es, dass sich unter den 15 neuen Parlamentariern in Berlin nur eine Frau befindet. Die Blogosphäre brodelt.

Niklas Hofmann

Die Strategie, Probleme zum Verschwinden zu bringen, indem man sie für nicht existent erklärt, zeitigt in der Politik nur selten nachhaltige Erfolge - selbst Silvio Berlusconi hat schon bessere Zeiten erlebt. In Deutschland hat vor geraumer Zeit die Piratenpartei befunden, die Geschlechterfrage stelle sich für sie schlichtweg nicht, die Partei sei vielmehr "Post-Gender".

Erste Fraktionssitzung der Berliner Piratenpartei

Ein Blatt mit dem Logo der Piratenpartei vor dem Sitzungssaal, in dem sich die Fraktion der Piratenpartei nach ihrer erfolgreichen Wahl erstmals beriet. Die Piratinnen vom Kegelclub meinen: "Wir wissen selbst, dass auch die Piraten nicht vom Himmel, sondern aus einer sexistischen Gesellschaft gefallen sind."

(Foto: dpa)

Im Grundsatzprogramm wird seitdem nicht nur festgehalten, dass Diskriminierungen aufgrund von Geschlecht oder sexueller Identität abgelehnt werden, die Unterscheidung nach Geschlechtern soll insgesamt abgeschafft und die Kategorie "Geschlecht" amtlicherseits gar nicht mehr erfasst werden.

Die Position der Partei ist klar: "Gesellschaftsstrukturen, die sich aus Geschlechterrollenbildern ergeben, werden dem Individuum nicht gerecht und müssen überwunden werden." Dass das erste offensichtliche Produkt dieser Politik in Gestalt der Berliner Abgeordnetenhausfraktion nur sehr wenig geschlechtliche Ambiguität zur Schau stellt, und nur eine von 15 Jungparlamentariern nach herkömmlichen Kriterien vom Staat als Frau eingeordnet wird, ließ die Gender-Debatte vergangene Woche in einigen Medien umso heftiger explodieren ("Jung, dynamisch - frauenfeindlich?", Spiegel Online).

An einige unschöne Szenen bei der Kandidatur einer Frau für den Vize-Vorsitz im vergangenen Jahr wurde erinnert. Und gefragt, ob die theoretisch fundierte Dekonstruktion von Geschlechtergrenzen des "Post-Genderism" nicht als bloßes Feigenblatt einer stark männlich dominierten Partei dient.

Im Piratinnen-Blog "Kegelklub" haben sich am Freitag einige Aktivistinnen an einer Antwort an die "Liebe Presse" versucht, die der Berliner Partei so gut gefiel, dass sie sie auch auf ihrer offiziellen Website veröffentlicht hat.

Die Medien, so der Tenor, schreckten Frauen von der Mitarbeit in der Partei ab, doch zu Unrecht: "Es gibt kein Problem für eine Frau, wenn sie kandidieren wollte. (Eher im Gegenteil.) Es sind keine Fälle bekannt, wo Frauen, die für etwas kandidiert haben, nicht gewählt wurden, weil sie FRAUEN sind. Dass aber viele Frauen nicht kandidieren wollten, kann man ihnen nicht zum Vorwurf machen."

Welche gesellschaftlichen oder parteiimmanenten Ursachen dieses Nicht-Wollen haben könnte, darüber musste man sich andernorts Gedanken machen. Unter dem Namen "müslikind" bloggt eine Piratin, die ihre Mitfreibeuter so leicht dann doch nicht vom Enterhaken lassen will. "Das Denken, dass alle mitmachen können, wenn man es anbietet, ist überholt (Soziologie ist übrigens ein spannendes Studienfach)." Und unter dem Namen "Arte Povera" drückt es eine Bloggerin so aus: "Der Vorwurf lautet nicht: Ihr diskriminiert Frauen. Sondern: Ihr macht euch nicht die Mühe, zu analysieren, ob es gesellschaftlich verankerte Negativbeziehungen zwischen der Kategorie ,Frau sein' und dem Zeug, was ihr da in eurer Partei betreibt, gibt."

Nach viel kritischem Echo haben die Kegelklublerinnen klargestellt, dass sie den Frauenmangel in der Partei nicht unter den Teppich hätten kehren wollen: "Post-Gender' ist ein Ideal, das wir verfolgen, eine Geisteshaltung, die wir annehmen wollen. Wir wissen selbst, dass auch die Piraten nicht vom Himmel, sondern aus einer sexistischen Gesellschaft gefallen sind. Wer behauptet, wir wären bereits Post-Gender, der verbreitet die Unwahrheit und verschließt die Augen vor der Realität." Es gehe aber um konstruktive Lösungen. Vielleicht müsse man tatsächlich an "Kommunikationsstrukturen" arbeiten, ein "freundlicherer Tonfall" könne jedenfalls nicht schaden.

Sobald das geklärt ist, können sich die Piraten der nächsten Diversitäts-Baustelle zuwenden. Denn ihren Wahlsieg feierte die Partei zwar in einem Kreuzberger Wahlbezirk, den für die Grünen Turgut Altug gegen Muharrem Aras von der SPD, Ertan Taskiran von der CDU und Figen Izgin von der Linken gewann. Nur unter den 15 neuen Abgeordneten der Piratenpartei sucht man nach Migranten vergebens.

© SZ vom 26.09.2011/pak

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