Proteste in Ägypten Die Mär von der Facebook-Revolution

Jede Woche eine neue Web-Revolution: Wer sich vor allem in Online-Medien informiert, muss glauben, dass Facebook und Twitter gerade das zweite Regime in diesem Jahr in den Zusammenbruch treiben. Für den westlichen Leser trifft sich das gut.

Von Niklas Hofmann

Eine neue Woche, eine neue "Web-Revolution" (Spiegel online) im arabischen Raum? Zumindest wer sich vor allem in Online-Medien informiert, dürfte nahezu Gewissheit haben, dass Social-Media-Dienste gerade das zweite autoritäre Regime in diesem jungen Jahr in den Zusammenbruch treiben. Das trifft sich für den westlichen Leser gut, denn Social Media, das ist er ja irgendwie auch selbst. Er kommt kostengünstig in den Genuss des guten Gefühls, revolutionäres Subjekt zu sein, zumindest am Rande. Wenn's nur einen Retweet braucht ...

Braucht es für die Organisation eines Protests wirklich soziale Netzwerke? Das ist fraglich, besonders, wenn man bedenkt, dass ein Großteil der Protestierenden über gar keinen Zugang zum Internet verfügt.

(Foto: dpa)

Das ägyptische Regime scheint mit seiner Abschaltung des Internets dieser Sichtweise recht zu geben. Dass seitdem die Proteste kaum abebben, könnte allerdings darauf hinweisen, dass die Massen in Kairo und Alexandria sich durchaus auch ohne Twitter und Facebook organisieren. Ein zunächst von Atlantic Monthly veröffentlichtes Flugblatt, das unter den Protestierern kursieren soll, warnt sogar ausdrücklich vor der Verbreitung über die beiden Dienste, sie würden überwacht.

Auch der Soziologe Craig Calhoun, der das Tienanmen-Massaker erforscht hat, warnt davor, dem Internet und den Social-Media-Diensten per se eine befreiende und demokratiefördernde Wirkung zuzuschreiben. In seinem Blog unterstreicht er noch einmal die offenbar ganz herausragende Rolle, die - neben direkter Kommunikation - die Berichterstattung des Senders al-Dschasira für die Menschen in der Region hat.

Da die Bedeutung al-Dschasiras sich in der Tat kaum übersehen lässt, wird der Sender von Netzpropheten wie Clay Shirky in diesen Tagen gerne in ein Konglomerat neuer Medien eingemeindet, die zusammen den Protest antrieben. Dieser Taschenspielertrick führt einerseits zu einem unbestreitbar richtigen Schluss: Alle Medien, die zur Verfügung stehen, werden von den Protestierern genutzt und damit auch von der Regierung bekämpft. Ob die Existenz genau dieser Kommunikationsmittel aber eine zwingende Bedingung für das Entstehen der Protestwelle ist, bleibt vorerst unbelegt.

Nicht nur Technikpessimisten oder verknöcherte Vertreter des medialen Status quo ante wollen die Social-Media-Euphorie dämpfen. Ethan Zuckerman steht als Mitgründer der internationalen Blogger-Plattform Global Voices in direktem Kontakt mit Menschen in der Region. Er will die Bedeutung von Twitter & Co. als Fenster zur Welt gar nicht herunterspielen. Durch die Beobachtung dieser Dienste sei es Global Voices etwa gelungen, das Überschwappen der Proteste nach Ägypten vorherzusagen. Allerdings hätten Tweets und Facebook-Gruppen im Vergleich zu SMS und Handzetteln nur einer Minderheit zur Organisation gedient. Denn wer diese Dienste nutze, so Zuckerman in seinem Blog, zähle in Ägypten nach wie vor zur Elite. Auf die Straße gehe aber eine viel breitere Koalition.

Seine Global-Voices-Kollegin Jillian C. York pflichtet in ihrem eigenen Blog bei. Obwohl deren wichtige Rolle zweifellos erwiesen sei, hype derzeit "niemand E-Mails, und SMS faszinieren die Öffentlichkeit einfach nicht so sehr wie Tweets." Und leider gerate durch den Fokus auf soziale Medien völlig aus dem Blick, dass es in Ägypten schon lange vor Facebook (auch digital) vernetzte Gruppen gegeben habe, die nun den Protesten einen organisatorischen Unterbau lieferten.

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