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Netz-Depeschen:Morgendämmerung

Ein Friedensnobelpreisträger namens Dawn Wave Liu? Wie die "twitternde Klasse" Chinas die Zensur der Regierung umgeht.

Liu Xia nutzt Twitter. Die Ehefrau des zukünftigen Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo hat über den Mikroblogging-Dienst ihren Hausarrest bestätigt.

Protesters holds a picture of Nobel Peace Prize laureate Liu Xiaobo of China during an anti-Chinese rally in Tokyo

Über Liu Xiaobos Gewinn des Friedensnobelpreises tauschen sich Chinesen, trotz Zensur, via Twitter aus. Könnte die "twitternde Klasse" in China eine Kultur der freien Meinungsäußerung begründen?

(Foto: REUTERS)

Twitter wird zwar, genauso wie der chinesische Nachahmer Fanfou, von der chinesischen Regierung blockiert, lässt sich aber auf dem Umweg über Proxy Server dennoch nutzen. Offiziell gestattet sind nur "harmonisierte", also zensierte Mikroblogging-Dienste wie Weibo, ein Service des populären Portals Sina.

Doch auch dort fanden die Menschen Wege, die Harmonisierungsanstrengungen in Sachen Friedensnobelpreis zu unterlaufen. Als Mitteilungen, die Liu Xiaobos Namen enthielten, unterdrückt wurden, übersetzten die Nutzer seinen Vornamen ins Englische und schrieben von "Dawn Wave Liu". Andere verwendeten koreanische, indische, arabische Versionen des Namens, ja selbst mit der lautmalerischen deutschen Transkription Liu Schaubo soll die Zensur ausgetrickst worden sein. Das amerikanische Linguistik-Blog "Language Log" führte schon am Tag nach der Bekanntgabe der Ehrung knapp zwei Dutzend Codes auf.

Auch angesichts solcher Findigkeit gibt sich Hu Yong, Professor für Internetstudien an der Journalistenschule der Uni Peking, in einem unter anderem von der Welt nachgedruckten Text optimistisch, dass die "twitternde Klasse" in China eine Kultur der freien Meinungsäußerung begründen könne. Chinas Blogosphäre und Mikroblogs seien trotz der offiziellen Nachrichtensperre nach der Nobelpreis-Nachricht schließlich regelrecht explodiert. Zwar glaubt auch Professor Hu nicht, "dass soziale Medien in den Händen von Aktivisten schnell zu einer Mobilisierung der Massen und gesellschaftlichem Wandel führen können", er meint aber, dass Twitter & Co zur wichtigen "Koordinationsplattform" von Kritik und Opposition geworden seien.

Die Einschränkung ist mit Bedacht gesetzt. Längst ist deutlich geworden, dass Twitter etwa bei der Organisation der grünen Beinahe-Revolution im Iran in Wahrheit keine besonders große Rolle gespielt hat. Anders sah es zwar mit der Funktion als Kommunikationskanal zur Außenwelt aus. Und auch in China gibt Twitter denjenigen, die den Dienst zu nutzen verstehen, eine der ganz raren Möglichkeiten, sich unzensiert über den privaten Raum hinaus politisch zu artikulieren. Die Frage ist aber, ob hier in der Masse mehr geschieht als nur das Ablassen von Dampf.

Die Löschbeauftragten der Mikroblogging-Dienste, so scherzten jedenfalls chinesische Nutzer in der vergangenen Woche, müssten schon ganz taube Finger haben. Die Seite China Digital Times hat online verbreitete Witze wie diesen gesammelt: "Scheint so, dass zwischen Taiwan und dem chinesischen Festland eine Arbeitsteilung in Sachen Nobelpreis herrscht: Taiwan ist für die Naturwissenschaften zuständig, und das Festland ausschließlich für Friedensnobelpreise." Das klingt subversiv und wird vom Regime auch so gesehen, doch zeigt die Geschichte, dass die Ventilfunktion des Flüsterwitzes für Diktaturen im Zweifel stets eher systemstabilisierend wirkte.

© SZ vom 18.10.2010/ls
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