Netz-Depeschen "Im Internet weiß niemand, dass du ein Hund bist"

Das neue Medium Internet versprach einst Anonymität für alles und jeden. Doch durch das kreieren von Algorithmen konnten amerikanische Forscher anhand der gemachten Einträge Informationen über die soziale Identität enthüllen. Leider kamen die Erkenntnisse zu spät, um einen kleinen Skandal zu verhindern.

Von Michael Moorstedt

"Im Internet", so lautet die Unterzeile eines berühmt gewordenen Cartoons des New Yorker, "weiß niemand, dass du ein Hund bist". Dazu sieht man zwei Promenadenmischlinge vor einem Desktop-PC herumlungern. Freilich stammt das Bild aus dem Jahr 1993. Anonymität für alles und jeden, so lautete damals eines der größten Versprechen des neuen Mediums. Mittlerweile ist die Utopie des spurlosen Bewegens im Netz von der Marktmacht der großen IT-Konzerne schon lange rechts überholt worden: Jeder kann wissen, wer Hund ist, und wer nicht.

Anonymes und spurloses Bewegen im Netz war einmal: Mit der aufkommenden Marktmacht der IT-Konzerne und soziolinguistischer Methoden kann nun jeder wissen, ob vor dem Rechner ein Hund sitzt oder vielleicht doch ein echter Mensch.

(Foto: dapd)

Sowohl Facebook als auch Google bestehen darauf, dass sich die Nutzer der sozialen Netzwerke mit ihrem Klarnamen registrieren. So sollen Spam- und andere Abzockprofile bekämpft werden. Bei Widerstand droht Profilsperrung. Auch die Politik wird in ihren Regulierungsversuchen nicht müde. Im vergangenen Jahr verlangte zunächst der Bund deutscher Kriminalbeamter einen "verlässlichen Identitätsnachweis im Netz". Im Herbst forderte dann Axel E. Fischer, CDU-Abgeordneter und Vorsitzender der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft des Bundestags, gar ein "Vermummungsverbot im Internet". Eben dort brachte ihm das enorm viel Häme und ein eigenes Mem ein.

In den meisten Fällen löst sich das Problem dank der Profilierungssucht der User Schritt für Schritt ganz alleine. Natürlich gibt es aber noch immer Plätze, die ein gewisses Maß an Anonymität gewähren. Twitter zum Beispiel lässt seinen Nutzern bei der Registrierung alle Freiheiten, was Angaben zur eigenen Person betrifft. Wer möchte, kann im Kurznachrichtendienst auch als Hund firmieren. Bis jetzt.

Informatiker des amerikanischen Thinktanks Mitre haben in der vergangenen Woche einen Algorithmus vorgestellt, mit dem sie anhand der abgeschickten Einträge zumindest das Geschlecht der Nutzer zuverlässig feststellen können. Auch im Web 2.0, von dem es noch immer heißt, es nivelliere den sozialen Status, scheinen Frauen und Männer unterschiedlich zu kommunizieren. Allein wie in einem Twitter-Konto Smileys oder die gängigen Internetkürzel wie OMG benutzt werden, haben der Maschine ausgereicht, um mit 75-prozentiger Wahrscheinlichkeit zu bestimmen, welches Geschlecht der Autor besitzt.

Die Mitre-Forscher sind nicht die ersten, die soziolinguistische Methoden auf die Twitter-Kommunikation angewendet haben. Auch Forscher der Johns Hopkins Universität klopften die 140-Zeichen-Einträge nicht nur auf Geschlecht, sondern auch auf Alter, Herkunft und politische Gesinnung ab. So lernten sie zum Beispiel Demokraten und Republikaner durch ihren Wortschatz voneinander zu unterscheiden. Wie so oft hat die Werbeindustrie bereits ihr Interesse angemeldet, um ihre Botschaften noch zielgenauer unter die Leute zu bringen.

Leider kamen sie mit ihren Ergebnissen zu spät, um einen kleinen Internet-Skandal zu verhindern: So wurde erst im letzten Monat bekannt, dass das Blog "Gay girl in Damascus", auf dem vermeintlich eine lesbische junge Frau ihr Leben in der Hauptstadt von Syrien dokumentiert, in Wahrheit von einem 40-jährigen amerikanischen Studenten verfasst wurde. Zuvor hieß es, die "Autorin" sei verhaftet worden - im sozialen Netz hagelte es Protestnoten. Und auch die Autorin von "Lez get real", war in Wahrheit nicht Paula Brooks, der Selbstauskunft nach eine lesbische Hausfrau und Mutter von drei Kindern. Sondern ein heterosexueller pensionierter Bauarbeiter aus Ohio.