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Netz-Depeschen:"Ich bin so schwul, dass ich Glitzer schwitze!"

Mode im Web 2.0: Eine Gruppenausstellung widmet sich den eifrigsten und skurrilsten Modebloggern.

Verena Stehle

Als rasende Avantgarde-Kunst ist die Mode längst etabliert. Dass es jetzt auch die Mode-Berichterstattung Kunst sein muss, ist neu, aber wahr: Die eifrigsten Akteure der Mode-Blogosphäre werden in dieser Woche erstmals mit einer Gruppenausstellung geehrt: The Cobrasnake, Bryanboy, The Facehunter, Playlust, Hel Looks, Glamcanyon, F&Art, Stilinberlin, Les Mads, The Styleclicker und Show me your Wardrobe. Im Zeitalter des Web 2.0 ist nichts älter als die Mode von vor, sagen wir: einer Stunde.

Er trägt Size Zero und ist "so schwul, dass er Glitzer schwitzt". Der Philippine Bryanboy gilt als bekanntester Modeblogger seines Landes.

(Foto: Screenshot: www.lesmads.de)

In der temporär geöffneten Pop-Up-Galerie im Münchner Glockenbachviertel wird von kommenden Donnerstag an jeder Blogger mit jeweils zehn "Arbeiten" vertreten sein, wobei mit Arbeiten die aussagekräftigsten Fotos aus den Blogs gemeint sind; über 100 Bilder insgesamt, jedes für sich der Splitter eines Zeitgeist-Mosaiks. Da ist zum Beispiel der Philippine Bryanboy, der sich mit Selbstauslöser in Frauenkleidern und Pumps knipst und seinen Blog mit dem Motto überschrieben hat: "Ich bin so schwul, dass ich Glitzer schwitze!"

Stil in Berlin postet Schnappschüsse modischer Passanten in Berlin, das finnische Pendant ist Hel Looks. Die Macherinnen von Les Mads publizieren News aus der Modewelt, und streuen dazwischen Fotos von sich selbst in ihren "Tagesoutfits". Und Mark Hunter alias The Cobrasnake dokumentiert die Jugend von Los Angeles jenseits Beverly Hills 90210 in seitenlangen Bilderstrecken.

Wirklich professionell gemacht sind noch immer die wenigsten Modeblogs. Die Frage, ob es deshalb nicht vermessen ist, die Betreiber zur Avantgarde zu erklären, ist natürlich völlig falsch gestellt. Von Bryanboy war der Designer Marc Jacobs so angetan, dass er eine Tasche nach ihm benannte, die BB Bag. Und Milieufotograf und Blogger The Cobrasnake wird natürlich genau deshalb zur Chanel-Modenschau nach Paris eingeflogen, weil er sich auf Fotos neben Karl Lagerfeld in durchlöcherten T-Shirts zeigt.

Die leiseren, ernsthafteren Mode-Blogger erzählen in Interviews gerne, dass sie immer noch nicht das Renommee haben, das ihnen zusteht; aber Stil in Berlin waren immerhin für den Lead Award 2009 nominiert in der Kategorie Weblog des Jahres und Les Mads können von ihrer Bloggerei leben - das anfängliche Internetexperiment des Burda Verlags hat im Monat immerhin 230 000 Besucher und 900 000 Seitenzugriffe. Wie hoch der Marktwert der Blogger allerdings wirklich ist, wird der letzte Tag der Ausstellung zeigen: Dann werden alle Exponate versteigert.

© SZ vom 15.6.2009/bey

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