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Netz-Depeschen:Gurken statt Kapitalismus

Gerade in der Krise boomt in den USA das "Urban Gardening". Aus Städtern werden Bauern, die Hühner im Hinterhof halten und Gemüse über Online-Plattformen tauschen.

Benedikt Sarreiter

Die Gewinner urbaner Krisen sind Pflanzen. Gräser, die sich wuchernd über einmal bebaute und jetzt brachliegende Flächen ausbreiten; Bäume, deren Wurzeln Asphalt wölben und deren Kronen Dächer von Ruinen durchstoßen; oder Tomaten, Gurken und Weizenfelder, von Menschen kultiviert, in urbanen Gärten, dort, wo früher einmal Stadt war. Man muss sich nur einmal die Innercity von Detroit bei Google Earth ansehen und erkennt schnell, was industrieller Niedergang und Stadtflucht für eine Stadt bedeuten können.

Revolution durch Rückzug, selbst gemachter Käse statt Konsum, Gurken statt Kapitalismus: "Urban Gardening" boomt gerade in Zeiten der Krise.

(Foto: Foto: ddp)

Mehr als 60.000 Grundstücke sind in Downtown Detroit unbebaut, Brände und Abbruch rissen Lücken in Siedlungen und Häuserreihen. Initiativen wie "The Greening of Detroit" nutzen seit Jahren den frei gewordenen Raum, um Parks und Gärten anzulegen, die Detroits Innenstadt aus der Satellitenperspektive grün schimmern lassen.

In den Gärten bauen zumeist schwarze Communities Gemüse an. Sie erarbeiten sich mit Selbstgepflanztem ein Gut, von dem der Mensch vor allem in wirtschaftlichen Krisen träumt: Autarkie vom täglichen Rattenrennen der Arbeit, Unabhängigkeit vom maroden Markt und der betrügerischen Lebensmittelindustrie, gerne auch inmitten der betonierten Topografie der Großstädte.

Das sogenannte Urban Gardening boomt, gerade jetzt in der Krise und besonders in den USA. Aus Städtern werden Bauern, die auf kleinsten Flecken Erde Tomaten pflanzen oder Hühner im Hinterhof halten. Sie informieren sich auf Webseiten wie Urban Gardening Help oder City Farmer News oder dem E-Zine Backwood Magazine über Arten der Kompostierung, über das beste Design für einen Dachgarten oder darüber, wie man sich selbst eine gemütliche Bank für das Gärtchen zimmert.

Sie tauschen Obst und Gemüse über die Online-Plattform Veggie Trader, lesen den Blog von Eric Knutzen und Kelly Koyne aus Los Angeles, die vergangenen Herbst das viel gelobte Buch "The Urban Homestead" veröffentlicht haben. Und sie klicken sich durch die verschiedenen Rubriken der Punk Rock Permaculture, einem Internetmagazin, in dem sich der Do-It-Yourself-Gedanke des Punk und der neuen Landwirte zu einer Feier des Self-Reliant-Lifestyles ergänzen und der Sturz des Systems aus dem Gemüsegarten heraus propagiert wird.

Revolution durch Rückzug, selbst gemachter Käse statt Konsum, Gurken statt Kapitalismus. Doch mit der Idylle kann es auch schnell vorbei sein. Das mussten die South Central Farmers erfahren, die nach den Unruhen in Los Angeles 1992 auf der verbrannten Erde South Centrals den größten innerstädtischen Garten der USA angelegt hatten.

Die Stadt verkaufte nämlich das Areal an Spekulanten, die nun die Beete betonieren und Lagerhallen errichtenwollen. Der Dokumentarfilm "The Garden" zeigt den Kampf der erbosten Farmer gegen die Profitgier der LA City Hall. Und er zeigt, dass der ewige Garten in der Stadt eine Utopie ist. Denn letztendlich entscheidet der Markt, wie eine Stadt aussieht. Die Konjunktur formt sie.

© SZ vom 18.05.2009

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