Netz-Depeschen:Du kommst hier nicht rein

Facebook trifft Wikipedia trifft Google: Das neue Wissensportal Quora erregt derzeit viel Aufmerksamkeit, auch weil der Zugang zu dem Portal limitiert ist. Die Seite verstößt damit gegen ein grundlegendes Prinzip des Internets.

M. Moorstedt

Die Weisheit der Masse, das war schon immer eines der größten und gleichzeitig nie umgesetzten Versprechen des Web. Die Ansätze und Ideen, wie dieses Potential anzuzapfen ist, sind bekannt und zahlreich. Wikipedia - natürlich. Unzählige Frage-Antwort-Seiten wie yahoo.answers oder gutefrage.net. Ebenso sämtliche Suchmaschinen von Google bis zu Wolfram Alpha. Doch manche Menschen geben sich mit den bisherigen Möglichkeiten noch nicht zufrieden.

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Der Zugang zu Quora limitiert. Neue Nutzer müssen warten, bis sie eine Einladung erhalten. Damit verstößt das Portal gegen eine grundlegendes Prinzip des Internet. Exklusivität ist im Netz immer eine Vortäuschung falscher Tatsachen

(Foto: picture-alliance/ dpa)

"Wir sind davon überzeugt, dass mehr als 90 Prozent der Informationen, die Leute erhalten wollen, im Internet nicht in dem Format verfügbar sind, das diese schnell verstehen", meint zumindest Charlie Cheever, ein ehemaliger Facebook-Mitarbeiter und einer der Gründer von Quora. So heißt ein neues Wissensportal, das in letzter Zeit viel Aufmerksamkeit erfährt. Hier können Fragen gestellt werden, die dann von der Masse beantwortet und bewertet werden. Charlie Cheever hat recht: Schon immer gab es mit der Wissensvermittlung im Internet ein Problem. Die Algorithmen der Suchmaschinen verstehen nicht, was sie zu Tage fördern sollen. Auf Wikipedia wird über Relevanzkriterien gestritten. Und die Antworten von Mit-Surfern waren oft unverständlich oder einfach falsch.

Quora ist ein Hybrid, es vereint Eigenschaften von Wikipedia, Facebook und Google. Es möchte ein soziales Netzwerk sein, in dem es nicht um die eigene Eitelkeit, sondern um Wissen geht. Es möchte eine Enzyklopädie sein, die die eigenen Interessen abbildet, und nicht die anderer Menschen. Wie viele Nutzer auf dem Portal nach Antworten suchen, ist nicht bekannt. Zumindest ein Großteil der Silicon-Valley-Meinungsmacher ist aber schon angekommen. Die neue Website werde dann auch 2011 ihren "Twitter-Moment" erleben, orakelte zumindest der Blog Techcrunch. Frei übersetzt bedeutet das wohl explodierende Nutzerzahlen, reichlich Risikokapital und wenig Aussicht auf baldiges Erreichen der Gewinnzone.

Der Großteil der Texte ist auf den ersten Blick informativ und sachlich korrekt. Sogar auf korrekte Rechtschreibung und Grammatik wird geachtet. Im Internet eine absolute Seltenheit. Nutzer in Deutschland haben allerdings ein Problem. Wer schnelle Antworten will, sollte seine Fragen in der Netz-Verkehrssprache Englisch stellen. Außerdem ist der Zugang zu Quora limitiert. Neue Nutzer müssen warten, bis sie eine Einladung erhalten. Damit verstößt das Portal gegen eine grundlegendes Prinzip des Internet. Exklusivität ist im Netz immer eine Vortäuschung falscher Tatsachen. Schließlich könnte jedes Angebot prinzipiell jedem zur Verfügung stehen. Ausschlusskriterien aus der analogen Welt wie Zeit, Ort oder Geld zählen hier nicht. Warum also diese elitäre Zugangsbeschränkung? "Qualität und Masse stehen sich im Internet gegenüber. Je mehr Menschen an einem Projekt mitarbeiten, desto schneller fällt das Niveau", sagt Adam D'Angelo, einer der Gründer.

Um diesen Effekt zumindest einzuschränken, benötigen neue Nutzer zur Anmeldung ein bereits bestehendes Facebook- oder Twitter-Konto, um so die Glaubwürdigkeit der Einträge zu erhöhen. Am besten wäre es allerdings, wünschen sich die Gründer, wenn man sich mit Klarnamen anmelden würde, um so die Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit zu erhöhen. Ein Großteil, der sonst so auf ihre Anonymität bedachten User folgt dieser Aufforderung mit erstaunlich wenig Widerwillen. Kein Wunder, dass sich bei so viel Offenherzigkeit des Publikums bereits so manche Marketing-Experten rühren. Die drängendste Frage, die sie sich stellen, lautet wohl, wie man die neue Plattform zu Werbezwecken nutzen könnte.

© SZ vom 24.01.2011/kelm
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