Süddeutsche Zeitung

Netz-Depeschen:Die Krux mit der Transparenz

In den Schützengräben des Bloggerkriegs: Entscheidend für eine mögliche Anklage des Wikileaks-Gründers Julian Assange ist eine Frage. Hat er seinen Informanten bei der Entwendung vertraulicher Daten unterstützt?

Niklas Hofmann

Glenn Greenwald ist kein angenehmer Sparring-Partner. Seine rhetorische Aggressivität und, wie ein ihm wohlgesonnener Kommentator es nennt, "pitbullartige Verbissenheit" bei Themen, die dem Bürgerrechtsanwalt und Blogger auf den Seiten des Online-Magazins Salon.com wichtig sind, sind gefürchtet. Erst im Oktober 2010 erhielt Greenwald den angesehenen "Online Journalism Award" für seine Kommentare bei Salon.

Nun steht er in den Schützengräben des letzten großen Bloggerkriegs von 2010, der wohl auch im neuen Jahr nicht so rasch befriedet wird. Im Juni hatte Wired.com, die Online-Schwester des gleichnamigen Magazins, über die Verhaftung von Bradley Manning berichtet, jenem Armee-Gefreiten, der das Video eines tödlichen Helikopter-Angriffs auf Zivilisten im Irak und die (damals noch nicht veröffentlichten) diplomatischen Depeschen an Julian Assanges Wikileaks weitergegeben haben soll. Dazu bekannt hatte er sich angeblich in einem Chat mit dem wegen Computerhackens vorbestraften Adrian Lamo, der Manning daraufhin angezeigt und mit dem FBI kooperiert hatte. Wired.com ließ er Protokolle des fraglichen Chats zukommen. Aus diesen hat die Website auszugsweise zitiert.

Für Greenwald, einen glühenden Verteidiger von Wikileaks und Assange, ist Wired.com seitdem zur Zielscheibe geworden. Das gilt vor allem für Kevin Poulsen, den Autor der Stücke über Manning. Poulsen kommt selbst aus der Hackerszene und saß Mitte der neunziger Jahre wegen seiner Aktivitäten im Gefängnis. Lamo ist schon derart häufig sein Informant gewesen, dass Greenwald ihn deswegen Lamos "Mediensprachrohr" nennt. Den Online Journalism Award erhielt Greenwald ausdrücklich für einen Blogeintrag aus dem Juni, in dem er die Verbindungen zwischen Lamo und Poulsen offengelegt hatte. Nun, direkt nach Weihnachten, legte Greenwald in der Sache noch einmal härter nach. Wired.com müsse den fehlenden Großteil der Chatprotokolle offenlegen oder von unabhängiger Seite einsehen lassen. Er unterstellt eine Art Komplizenschaft mit Adrian Lamo.

Denn der hat sich, wie das linke Politblog Firedoglake in einer peniblen Chronik der Ereignisse aufzeigt, gegenüber verschiedenen Medien in Widersprüche verwickelt, vor allem in der Frage, ob ihm Manning im Chat berichtet habe, dass Assange und Wikileaks ihn beim Entwenden der Daten aktiv unterstützt hätten. Eine Frage, die für eine mögliche Anklage gegen Assange in den USA von entscheidender Wichtigkeit wäre.

Poulsen und sein Chefredakteur Evan Hansen erklärten nun, dass alle für die Öffentlichkeit relevanten Informationen in dem veröffentlichten Viertel der Protokolle zu finden seien. Der Rest enthalte entweder Material, das Mannings Privatsphäre verletzen würde, oder Geheimnisse der nationalen Sicherheit. Greenwald warfen sie "schockierende persönliche Angriffe" vor, die auch noch vor Fehlern strotzten. Der wiederum scheint seitdem erst recht angestachelt, der "journalistischen Schande" bei Wired.com ein Ende zu machen. Längst haben sich unter US-Bloggern und Journalisten zwei Lager gebildet, mit gewissem Vorteil für Greenwald. In der zunehmend giftigen Diskussion, die vor allem bei Twitter ausgetragen wird, sind nachdenklichere Stimmen wie die von Rob Beschizza selten, der bei Boingboing.net zu bedenken gibt, dass die Lage für Wired komplexer sein könnte: "Transparenz ist schwieriger als man denkt, wenn das Wohlergehen unschuldiger Menschen davon abhängt, dass man Geheimnisse bewahrt."

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SZ vom 03.01.2011/kelm
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