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Netz-Depeschen:Das Spiel ist aus

Onlinevertrieb von Tierfutter und das unvermeidliche Handgelenkstelefon: Vor zehn Jahren platzte die New-Economy-Blase, im Netz wird ihrer Exzesse jetzt gedacht.

Wie so oft im Vorweihnachtsgeschäft brachte der Spielzeughersteller Hasbro auch 1999 wieder eine neue Auflage seines Dauerbrenners Monopoly in die Läden. Diesmal sollte der Neue Markt Vorbild für die Hyperkapitalismus-Simulation sein. Statt Hotels auf Park- und Schlossstraße zu bauen, musste man sein Geld also in Firmen wie Lycos, Ebay oder Priceline investieren. Ein siebenstelliger Betrag auf den Spielgeldscheinen war bei dieser Ausgabe passenderweise die geringste Summe. Knapp die Hälfte der Unternehmen, die das Spiel damals führte, existiert heute nicht mehr.

Am 10. März 2000 erreichte die Dotcom-Blase ihren maximale Ausdehnung und der Technologie-Index Nasdaq mit 5133 Punkten seinen höchsten Stand. Ein Jahr später war der Index nur noch die Hälfte wert und es sollte drei weitere Jahre dauern, bis sich der Markt auch nur annähernd von den Exzessen der späten neunziger Jahre erholt hatte. Anlässlich des zweifelhaften Jubiläums blickte die Web-Gemeinde in der vergangenen Woche zurück.

In zahlreichen Blogs wird der New Economy gedacht, das Magazin Wired widmet dem Jahrestag in seiner aktuellen Ausgabe sogar zehn Seiten. In den Kommentarspalten breitet sich wohlige Nostalgie aus bei der Erinnerung an eine Zeit, in der es völlig selbstverständlich schien, ein paar hundert Millionen Dollar in den Online-Vertrieb von Tierfutter, Obst oder Designermode zu investieren.

Hat man aus den alten Zeiten gelernt?

Wie die Anekdoten scheinen auch die Werbeanzeigen aus den Tagen vor dem Crash aus einer vergangenen Zeit zu stammen. Der Blog Wiredreread sammelt die schönsten Exemplare. Das unvermeidliche Handgelenkstelefon ist dabei, ebenso CD-Laufwerke mit sechsfachem Tempo oder das jüngst abgeschaltete Online-Netzwerk Geocities.

Im Rückblick wird der Niedergang zu einer netten Veteranengeschichte. Und die CEOs von damals zu Pionieren. Nach der Auslese, so der Tenor, begannen schließlich die Erfolgsgeschichten. Amazon, Google und Ebay sind heute profitable Unternehmen und die aktuelle Smartphone-Generation kann mehr, als man es sich in den kühnsten Träumen je hätte vorstellen können.

Vieles was vor zehn Jahren starb sei als Killerapplikation wiederauferstanden, schreibt die Financial Times. Hat man aus den alten Zeiten gelernt? Betrachtet man die Hysterie der Anleger, die seit einiger Zeit wieder jedes noch so obskure Web-2.0-Startup bejubeln, muss die Antwort lauten: kaum. Die nächste Blase ist prall gefüllt mit seltsamen Geschäftsmodellen und ausbleibenden Gewinnen. Das Internet vergisst nichts, heißt es oft.

Es gilt wohl nur für die eigenen Fehler. Exemplare des Dotcom-Monopoly gibt es übrigens noch immer. Hasbro nahm kurz nach dem Crash aus dem Sortiment, Sammler bieten deshalb knapp 50 Dollar für das Millionen-Spiel. Bei seiner Markteinführung kostete es gerade einmal 15 Dollar. Immerhin eine Wertsteigerung von mehr als 300 Prozent.