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Netz-Depeschen:Blog-Melancholie

Spätherbstliche Gedanken zum Blogsterben: Die resignative Grundmelodie wird nicht mal durch Freude über die wohl netzaffinste Ministerin Kristina Köhler durchbrochen.

Blog-Melancholie zieht in diesem November durchs Land. In der Netzeitung, die zum Jahresende eingestellt wird, macht sich Malte Welding spätherbstliche Gedanken zum Blogsterben, das er schon im Frühjahr diagnostiziert hat. Welding nennt Dahingeschiedene und Komapatienten wie das Weblog Solokarpfen. Und der im Januar viel diskutierte Verkauf des einst meist verlinkten Blogs "Basic Thinking", hat die Käufer, so Welding, neben 43 000 Euro vor allem Verlinkungen und das vormals rege Kommentariat der Seite gekostet. Basic-Thinking-Autor André Vatter räumt in einer Replik ein, "dass die Zeiten für Blogger nicht einfach sind. Backlinks bleiben aus, soziale Netzwerke reißen sich die Themendiskussionen unter den Nagel, das dezentrale Netzwerk der Blogger wird in der Tat oberflächlich instabiler."

Kristina Köhler ist nicht nur jünger als die meisten deutschen Alpha-Blogger, sondern betätigt sich auch als fleißige Twitterin.

(Foto: Foto: dpa)

Die Klage über die fehlende Verlinkung, die überwiegend auf das Konto der Abwanderung zu Twitter gehen soll, ist symptomatisch. Wer von Welding versammelte Blogger-Stimmen, wie die des Autors von "Dackworld" liest, erkennt: Darüber, dass ihm Artikel geklaut oder von wem auch immer nicht genug Leser zugeführt werden, kann mancher Blogger mittlerweile in genau jenem Tonfall zwischen Larmoyanz und unterdrückter Aggressivität jammern, den die Vertreter der alten Medien erst nach 400 Jahren Pressegeschichte und gut zehn Jahren Medienkrise zur Vollendung brachten. Und manch einer wird traurig nicken, wenn Don Alphonso der Blog-Elite hinreibt, "dass man trotz Medienkrise selbst auch noch nicht weiter ist als 2003".

Die resignative Grundmelodie wird auch nicht durch Freude über die wohl netzaffinste Ministerin durchbrochen. Dabei ist Kristina Köhler, die Nachfolgerin von "Zensursula" von der Leyen, der Lieblingsgegnerin vieler Onliner, nicht nur jünger als die meisten deutschen Alpha-Blogger, sondern betätigt sich auch als fleißige Twitterin. Das stellte sie gestern in exakt 127 Zeichen noch einmal klar. Aber erstens ist Köhler von der Leyens verhassten Internetsperren durchaus wohlgesonnen. Und zweitens sitzt ihr lautester Fanclub ausgerechnet in der Schmuddelecke der deutschen Blogosphäre, auf der antimuslimischen Seite "Politically Incorrect". Noch ein Grund zur Melancholie.