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Netz-Depeschen (10):Bizarrer Effekt

Nach dem Massaker von Blacksburg wird im Netz diskutiert, was den Amokläufer zu den Posen in seinen Videos inspirierte. Eine Art elektronischer Friedhof wurde zum Forum für Onlinekondolenzen.

Jörg Häntzschel

Wenn myspace die Party im Internet ist, dann ist mydeathspace der Friedhof. Ganz neu ist die makabre Site nicht, aber seit dem Amoklauf von Virginia ist sie zum Forum für die Onlinekondolenzen geworden.

Vorbilder für die Posen des Amokläufer

Im Netz werden die Vorbilder für die Posen des Amokläufers diskutiert.

(Foto: Screenshot: sueddeutsche.de)

Mydeathspace ist eine chronologische Liste eben Verstorbener mit Foto, Alter und Todesursache. Ein Mausklick führt dann zu den virtuellen Grabreden. Was zunächst wirkt wie ein Halloween-Scherz - selbst das Totenkopf-Icon fehlt nicht - ist eine völlig ernstgemeinte und gar nicht unbedingt pietätlose Angelegenheit. "Six Feet Under" war morbider!

Das schockierende an der Site ist, dass sie praktisch ausschließlich die Tode von Menschen um die 20 aufführt. Da ist keiner, der friedlich eingeschlafen wäre. Jeder Tod ist nicht nur eine Tragödie für sich, sondern bietet auch einen intimen Einblick in das amerikanische Leben um die 20.

Am Samstag kamen folgende Todesfälle hinzu: Demarcus Cox, 17, wurde von seinem Cousin bei einer Party in die Brust geschossen. Torie Phillips, 16, geriet beim Autofahren auf die Gegenspur. Paul Shuman-Moore, 19, ertränkte sich im September im Pool des Grinnell Golf and Country Club und wurde erst jetzt unter der Plane gefunden. Andrea Bellman, 19, saß bei einer 58-Jährigen im Auto, die am Steuer einschlief. Troy Nealy, 24, starb in Fallujah.

Der wohl bizarrste Effekt ergibt sich durch den Link zur Mutterseite MySpace, wo die Liebesbekundungen und Lieblingslieder der Toten, die verwackelten Partyphotos und die Listen mit ihren banalen Hobbys noch herumgeistern als sei nichts geschehen.

Unterdessen geht die unvermeidliche Diskussion weiter, was den Amokläufer von Blacksburg zu den Posen auf seinen Videos inspirierte. Die Revolver in beiden Händen: das ist, so sind sich alle einig, natürlich Travis Bickle aus "Taxi Driver", als er das Blutbad in dem Puff in Harlem anrichtet.

Kritik an Kritikern

Doch was hat es mit der an die Schläfe gehaltenen Waffe und mit dem Hammer auf sich? Ein Professor von Virginia Tech meinte, in den Bildern eine direkte Anspielung auf den Film "Oldboy" des südkoreanischen Regisseurs Chan-wook Park entdeckt zu haben, der 2004 den Grand Prix beim Festival in Cannes gewann (der damalige Jury-Präsident Quentin Tarantino hätte ihm lieber die Goldene Palme verliehen, die aber an Michael Moore ging).

Es geht um einen Mann, der nach 15 Jahren, die er völlig isoliert und unschuldig in einem Verließ zugebracht hat, auf einen blutigen Rachefeldzug geht. Doch bei der Pose mit dem Hammer hören die Parallelen auch schon auf, meinen die meisten Blogger. Dennoch: Neben vielen, die die Popkultur gegen die üblichen Vorwürfe verteidigen, sie sei verantwortlich für solche Massaker, melden sich auch einige, die die Kritikerelogen für filmische Gewaltexzesse wie "Oldboy" nicht mehr ertragen.

Auf der liberalen Politwebsite Huffingtonpost erzählt Brian Williams, der Anchorman des Fernsehsenders NBC, an den der Attentäter sein Multimedia-Paket geschickt hat, von den "schrecklichen" Stunden nach dem Öffnen der Post und verteidigt sich gegen die lauter werdende Kritik von Polizei und Virginia-Tech-Studenten. Dass er die Entscheidung, das Material zu veröffentlichen, rechtfertigt, ist nicht überraschend. Interessant ist, dass offenbar nur die harmlosesten Passagen des Materials über den Sender gingen. "Es ist gut zu wissen, dass das meiste nie ans Licht kommen wird."

© SZ vom 23. April 2007
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