Süddeutsche Zeitung

Gesundheit im Opern-Geschäft:"Für Tannhäuser muss man wirklich gesund sein"

Lesezeit: 6 min

Von Michael Stallknecht

Vergangene Woche bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik: Bei Riccardo Broschis Oper "Merope" ist der Tenor wenige Tage vor der Premiere erkrankt. Das erste Problem: Seit dreihundert Jahren hat niemand mehr die Partie in dem gerade wieder ausgegrabenen Werk gesungen. Das zweite: Die Regisseurin Sigrid T'Hooft arbeitet mit barocker Gestensprache, die kein Sänger in wenigen Tagen lernen kann. Am Ende singt ein Tenor die Partie von Noten aus dem Orchestergraben, auf der Bühne wird die Figur von einem italienischen Schauspieler dargestellt. Opernalltag, der kaum Schlagzeilen macht.

Ganz anders liegt die Sache, wenn Anna Netrebko absagt. Wegen einer Erkältung ließ sie die mittlere von drei Vorstellungen bei den Salzburger Festspielen ausfallen, danach sagte sie ihr lang erwartetes Debüt bei den Bayreuther Festspielen als Elsa im "Lohengrin" an diesem Mittwoch ab. Dass die Sängerin gleichzeitig Fotos von sich beim Baden nahe Salzburg oder aus fernen Ländern auf Instagram postete, lässt die Spekulationen ins Kraut schießen. Sagen Sänger inzwischen wichtige Vorstellungen ab, wenn sie sich ein wenig müde fühlen?

Er habe nicht den Eindruck, dass häufiger abgesagt werde als früher, sagt Tillmann Wiegand, Künstlerischer Betriebsdirektor der Hamburgischen Staatsoper. Nur falle es bei Stars wie Netrebko mehr auf. "Die meisten Sängern machen ihren Beruf aus Herzblut." Schon deshalb sagten sie nicht gern ab - und durchaus auch aus Kostengründen. "Wenn man am Vormittag absagt, ist das ganze Geld weg." Zumindest für die, die, wie die meisten prominenteren Sänger, freiberuflich arbeiten. Tritt ein Sänger nicht auf, dann verdient er nichts - so einfach, so hart ist das Geschäft.

"Häufig ist es eher so, dass man Sänger vor sich selbst schützen muss", bestätigt der Stimmfacharzt Matthias Echternach, der am Klinikum der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität die Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie leitet und viele bekannte Sänger betreut. Dass er selbst in einem Knabenchor sang und dem Kammerchor Stuttgart angehört, hilft ihm bei seiner Tätigkeit. Schließlich hängt es von vielen Faktoren ab, wie sich ein Sänger fühlen muss, damit er auftreten kann. So bestätigt Echternach aus seiner Praxis die alte Hausweisheit, dass höhere Stimmen anfälliger sind als tiefe, dass - was er als seriöser Mediziner so nie ausdrücken würde - der Bass nach der Abendprobe noch ausgehen kann, während die Sopranistin besser gleich ins Bett geht. Auch leichte Koloratursoprane müssen schneller absagen als ihre schwerer gelagerten Kolleginnen, weil sie häufiger Spitzentöne und schnelle Koloraturen singen müssen. Entscheidend sei die Schwingfähigkeit der Stimmlippen, sagt Echternach. Ist der Rachenraum entzündet, geht noch einiges. Ist aber erst der Kehlkopf betroffen, wird es schwierig.

Ob Echternach jemandem zum Auftritt rät oder nicht, bleibt aber eine Einzelfallentscheidung. Es hängt neben dem Befund von der Technik des Sängers ab und davon, "wie gut er seine Partie im Körper hat", wie oft er sie schon gesungen hat. Die menschliche Stimme unterscheidet sich schließlich von allen anderen Instrumenten dadurch, dass sie selbst Teil des Körpers ist. Er könne sich vorstellen, dass die Partie der Elsa auch in dieser Hinsicht eine "Herausforderung" für Netrebko gewesen sei, sagt Echternach. Schließlich hat sie die Partie bisher nur vor zwei Jahren in Dresden gesungen und verfügt auch sonst kaum über Erfahrungen im deutschen Fach. Bei Wagner kommt noch die schiere Länge dazu. "Eine kleine Partie kann man auch mit Infekt noch singen, aber für einen Tannhäuser muss man wirklich gesund sein."

Eine, die solche Längen regelmäßig durchsteht, ist Petra Lang. Bei den Bayreuther Festspielen singt sie momentan die weibliche Titelpartie in Wagners "Tristan und Isolde". Lang, die selbst einmal Medizin studieren wollte, achtet darauf, dass sie möglichst gar nicht erst krank wird, mit einer gesunden Ernährung und vor allem ausreichend Schlaf. "Wenn der Körper ausgeruht ist, kann er auf sehr vieles anders reagieren." Es sind die Ratschläge, die auch Echternach seinen Sängern gibt: viel Nachtruhe, wenig Kaffee und Alkohol, kein spätes Essen. Milch zum Beispiel ist ein gefürchtetes Getränk, weil sie durch den Zwerchfelldruck beim Singen wieder hochkommt, ebenso alles scharf Gewürzte.

Doch ein geregeltes Leben zu führen ist alles andere als einfach in einem Beruf, in dem man bis spät abends auf der Bühne steht und danach schon wegen des Adrenalins kaum schlafen kann. Begehrte Sänger pendeln zwischen den großen Opernhäusern und sind viel unterwegs. Petra Lang hat deshalb beschlossen, nicht mehr als vierzig Abende im Jahr zu singen, auch wenn die Angebote für eine Brünnhilde oder Isolde finanziell noch so verlockend sind. Gerade bei langen Flügen achtet sie darauf, immer schon zwei oder drei Tage vorher in der Stadt des Auftritts zu landen. Während des Flugs trägt sie eine spezielle Gesichtsmaske, die ein Befeuchtungssystem enthält. Der Austrocknungseffekt durch das Fliegen ist bei Sängern genauso gefürchtet wie der von Klimaanlagen.

Das alles fordert viel Planung, oft für Jahre im Voraus, weil Termine mit erfolgreichen Sängern sehr langfristig vereinbart werden. "Manche sagen dann mehr Termine zu, als eigentlich in den Kalender passen", sagt Verena Vetter, die als Agentin beim Münchner Künstlersekretariat am Gasteig viele Sänger betreut. Besonders bei sehr prominenten Sängern wie Anna Netrebko sei der Druck groß, viele Auftritte anzunehmen. Daneben noch Ruhe- und Vorbereitungszeiten einzuplanen, ist nicht einfach. Zumal kein Sänger hundertprozentig einschätzen kann, wie sich seine Stimme entwickeln wird. Oft steht eine Partie genau dann im Kalender, wenn der Sänger sie nicht mehr oder noch nicht wirklich "im Körper" hat. "Es ist manchmal schwierig einzuschätzen, was in vier Jahren sein wird", sagt auch Petra Lang.

"Man kann mit einem Schnupfen eine Vorstellung singen, wenn man die Technik hat."

Ein vor Jahren überfüllter Terminkalender kann dann dazu führen, dass ein Sänger tatsächlich krank wird oder allzu kurzfristig erst die Notbremse zieht. Auch weil er durchaus weiß, dass in der Oper ein großer Apparat von ihm abhängig ist und er ja vielleicht doch wird auftreten können. "Man kann mit einem Schnupfen eine Vorstellung singen, wenn man die Technik hat", sagt Petra Lang, abhängig auch davon, "wie die Partie liegt".

"Eine Mozart-Oper oder ein Liedprogramm kriegt man immer noch ganz gut hin, wenn andere Sache schon nicht mehr gut gehen", bestätigt ihr Kollege Daniel Behle, der derzeit in Bayreuth den David in den "Meistersingern von Nürnberg" und den Walther von der Vogelweide in der Neuinszenierung des "Tannhäuser" singt. Es gebe einfach Auftritte, sagt er, die man um keinen Preis absagen wolle, weil man bereits viel in die Probenzeit investiert habe oder sich besonders auf die Rolle gefreut habe. Besonders ärgerlich seien Erkrankungen bei CD-Aufnahmen, weil diese lange vorher geplant seien und sich nur schwer ein zweites Mal realisieren ließen. Behle greift dann auch mal zu schärferen Mitteln, inhaliert zum Beispiel Erkältungssalben, "obwohl jeder Hals-Nasen-Ohren-Arzt sagt, dass das zu scharf ist".

Besonders ärgerlich ist eine Absage auch dann, wenn ein Sänger eine Vorstellung als karriereentscheidend wahrnimmt, also sie unter erhöhter Aufmerksamkeit in einer noch relativ frühen Stufe des Lebenswegs stattfindet. Für solche Fälle gibt es bei schweren Erkältungen einen letzten Ausweg: Cortison, als Tabletten oder schlimmstenfalls intravenös während der Vorstellung. Es lässt die Stimmbänder sofort abschwellen, kann aber erhebliche Spätfolgen haben. Matthias Echternach. rät deshalb Sängern immer zuerst zu einer konservativen Partie, empfiehlt zunächst einfach Stimmruhe. "Wenn man Zeit hat, ist Ausheilenlassen das Beste." Dass es das "Abschwellen per Spritze" gebe, leugnet er dennoch nicht.

Rolando Villazón unterzog sich einer Stimmbandoperation - und verlor sein schimmerndes Timbre.

Petra Lang hat sich dieser Methode immer verweigert, auch als sie einmal erlebte, wie ihr ein offensichtlich vom Intendanten instruierter Arzt die Spritze geradezu aufdrängte. Daniel Behle gibt dagegen zu, dass er für eine CD-Aufnahme schon zu Cortisontabletten gegriffen hat. "Dann kannst du deine Sache erst mal durchziehen, bist aber danach drei Wochen mit irgendwelchen Halsinfekten beschäftigt." Dabei kann es uneinschätzbare Folgen haben, wenn man erkältet singt. In den Stimmlippen sind die Äderchen geweitet, was sie leichter platzen lässt. Das kann zu einem Bluterguss oder zu einem Ödem führen, einer dauerhaften Schwellung der Stimmlippe durch Flüssigkeitsansammlung. Manchmal heilen solche Ödeme von selbst wieder aus, in anderen hilft nur noch die Operation, wenn auch als "Ultima Ratio", wie Matthias Echternach sagt.

Von den Tenören Jonas Kaufmann und Rolando Villazón ist bekannt, dass sie sich solchen Stimmbandoperationen unterziehen mussten. Villazón hat danach nie mehr das herrliche schimmernde Timbre seiner Jugend wiedergewonnen, in die Höhe kommt er nur noch mit großer Mühe. Die Operation, sagt Echternach, sei oft nur ein "Teil der Wahrheit", weil die Stimme systematisch auch in der Funktion wieder aufgebaut werden müsse.

Auch aus solchen Gründen ist Tillmann Wiegand keinem Sänger persönlich böse, wenn er absagt. Letztlich müsse man ihm sowieso vertrauen, weil das Attest reine Formsache sei. "Kein HNO-Arzt zwingt einen Sänger zum Auftritt; er kann die Verantwortung gar nicht übernehmen." Bei Proben wisse man manchmal nicht genau, ob ein Sänger tatsächlich krank sei oder einfach keine Lust habe. Bei Vorstellungen erlebt der Betriebsdirektor der Hamburgischen Staatsoper das eher nicht. Deshalb lädt er Sänger in aller Regel auch dann erneut ein, wenn sie absagen. Nur wenn er mitbekommt, dass sie während der Zeit ihrer Krankmeldung an anderen Orten Vorstellungen singen, wird er misstrauisch. Aber an sich sei Krankheit nun mal "keine Schuldfrage.

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SZ vom 13.08.2019
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