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Gesundheit im Opern-Geschäft:"Für Tannhäuser muss man wirklich gesund sein"

Anna Netrebko

Anna Netrebko, Opernsängerin aus Russland, bei einem Konzert in Prag.

(Foto: dpa)
  • Wenn klassische Sängerinnen ihre Auftritte absagen, dann meist aus gutem Grund. Ein ausgefallener Auftritt bedeutet für die meisten nämlich: kein Honorar.
  • Laut Fachärzten müsse man die meisten eher davor schützen, trotz gesundheitlicher Probleme aufzutreten.
  • Die Experten raten zu viel Nachtruhe, wenig Kaffee und Alkohol und keinem spätem Essen - was mit dem Lebensstil vieler Sängerinnen aber nicht immer vereinbar ist.

Vergangene Woche bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik: Bei Riccardo Broschis Oper "Merope" ist der Tenor wenige Tage vor der Premiere erkrankt. Das erste Problem: Seit dreihundert Jahren hat niemand mehr die Partie in dem gerade wieder ausgegrabenen Werk gesungen. Das zweite: Die Regisseurin Sigrid T'Hooft arbeitet mit barocker Gestensprache, die kein Sänger in wenigen Tagen lernen kann. Am Ende singt ein Tenor die Partie von Noten aus dem Orchestergraben, auf der Bühne wird die Figur von einem italienischen Schauspieler dargestellt. Opernalltag, der kaum Schlagzeilen macht.

Ganz anders liegt die Sache, wenn Anna Netrebko absagt. Wegen einer Erkältung ließ sie die mittlere von drei Vorstellungen bei den Salzburger Festspielen ausfallen, danach sagte sie ihr lang erwartetes Debüt bei den Bayreuther Festspielen als Elsa im "Lohengrin" an diesem Mittwoch ab. Dass die Sängerin gleichzeitig Fotos von sich beim Baden nahe Salzburg oder aus fernen Ländern auf Instagram postete, lässt die Spekulationen ins Kraut schießen. Sagen Sänger inzwischen wichtige Vorstellungen ab, wenn sie sich ein wenig müde fühlen?

Er habe nicht den Eindruck, dass häufiger abgesagt werde als früher, sagt Tillmann Wiegand, Künstlerischer Betriebsdirektor der Hamburgischen Staatsoper. Nur falle es bei Stars wie Netrebko mehr auf. "Die meisten Sängern machen ihren Beruf aus Herzblut." Schon deshalb sagten sie nicht gern ab - und durchaus auch aus Kostengründen. "Wenn man am Vormittag absagt, ist das ganze Geld weg." Zumindest für die, die, wie die meisten prominenteren Sänger, freiberuflich arbeiten. Tritt ein Sänger nicht auf, dann verdient er nichts - so einfach, so hart ist das Geschäft.

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"Häufig ist es eher so, dass man Sänger vor sich selbst schützen muss", bestätigt der Stimmfacharzt Matthias Echternach, der am Klinikum der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität die Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie leitet und viele bekannte Sänger betreut. Dass er selbst in einem Knabenchor sang und dem Kammerchor Stuttgart angehört, hilft ihm bei seiner Tätigkeit. Schließlich hängt es von vielen Faktoren ab, wie sich ein Sänger fühlen muss, damit er auftreten kann. So bestätigt Echternach aus seiner Praxis die alte Hausweisheit, dass höhere Stimmen anfälliger sind als tiefe, dass - was er als seriöser Mediziner so nie ausdrücken würde - der Bass nach der Abendprobe noch ausgehen kann, während die Sopranistin besser gleich ins Bett geht. Auch leichte Koloratursoprane müssen schneller absagen als ihre schwerer gelagerten Kolleginnen, weil sie häufiger Spitzentöne und schnelle Koloraturen singen müssen. Entscheidend sei die Schwingfähigkeit der Stimmlippen, sagt Echternach. Ist der Rachenraum entzündet, geht noch einiges. Ist aber erst der Kehlkopf betroffen, wird es schwierig.