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Netflix:Unwiderstehlicher als die Wahrheit

Netflix-Serie ´Tiger King: Murder, Mayhem and Madness"

Das wohl größte kulturelle Ereignis des Corona-Lockdowns: "Tiger King" auf Netflix.

(Foto: dpa)

Netflix inszeniert sich gern als die gute digitale Plattform. Aber ist der amerikanische Streaming-Konzern wirklich vertrauenswürdiger als Konkurrenten wie Google und Facebook?

Von Jan Füchtjohann

Wenn Sie bei Google 'Klimawandel' eingeben, bekommen Sie unterschiedliche Ergebnisse - je nachdem, was Google so alles über Sie weiß." Mit diesem unheilschwangeren Satz beginnt der Trailer von "The Social Dilemma" - einer Netflix-Dokumentation, in der die Streaming-Plattform mit dem Silicon Valley abrechnet. Dazu gibt es dramatische Musik; Bilder von sozialen Unruhen und digitaler Depression; schnell geschnittene Kritiker-Interviews und animierte Menschen, die an den Fäden korrupter Konzerne zu willenlosen Puppen werden. Rhythmisiert wird das alles durch flackernde Zwischentitel und Slogans wie "Fake News verbreiten sich sechsmal so schnell wie die Wahrheit", "Es gibt kein besseres Werkzeug als Facebook, um die gesamte Bevölkerung eines Landes zu kontrollieren" und "Das heißt Schachmatt für die Menschheit". Es ist wie Chips mit Heroin.

193 Millionen Haushalte in 190 Ländern haben inzwischen ein Netflix-Abo. Damit gehört das Unternehmen zu den größten Medienkonzernen der Welt. Trotzdem löst der rote Schriftzug mit dem "Ta-Dam"-Jingle bis heute ungleich wohlwollendere Assoziationen aus als beispielsweise das blaue Facebook-Logo. Dort Fake News, Propaganda, Outrage - hier: Sofa, Decke, Gemütlichkeit. Netflix and chill.

Der Anspruch ist, nicht bloß besseres Fernsehen, sondern ein besseres Abbild der Welt zu liefern

Nach und nach ist allerdings auch in die kuschelige digitale Heimkinowelt die Politik eingesickert. So gibt es etwa einen millionenschweren Produktions-Deal mit den Obamas, der vor allem Dokumentationen umfasst. Die gehören traditionell zu den Stärken der Plattform: Erst vor wenigen Monaten hat Netflix mit "Tiger King" das wohl größte kulturelle Ereignis des Corona-Lockdowns geschaffen. Und auch in Deutschland hat Netflix gerade mit einer Doku-Serie für Aufsehen gesorgt: In "Rohwedder - Einigkeit und Mord und Freiheit" wird die deutsche Einheit noch einmal nachverhandelt - als "echtes Verbrechen", inklusive Geraune über die Machenschaften eines angeblichen Deep State. Weitere Ideen sind in Planung.

Die Frage ist allerdings: Ist Netflix wirklich so viel vertrauenswürdiger als die anderen neuen Mediengiganten?

Die Dokumentationen sind zur Beantwortung dieser Frage nicht nur wegen ihres Erfolgs geeignet, sondern auch, weil hier das Versprechen, das bessere Fernsehen zu machen, auf den Anspruch trifft, auf diesem Weg auch ein besseres Abbild der Welt zu liefern. Entgegen der PR, die viel von den Freiheiten handelt, die die Filmemacher auf der Plattform genießen, und obwohl das neue Buch von CEO Reed Hastings, "Keine Regeln" heißt, gibt es sehr wohl ein paar gar nicht so liebenswürdige Netflix-Doku-Prinzipien.

So unterhalten viele der Netflix-Dokus ein geradezu obsessives Verhältnis zu Medien der Prä-Netflix-Ära. "Rohwedder" ergötzt sich ausgiebig am Fernsehen der Kohl-Zeit, während in "The Ted Bundy Tapes" alte Kassettenaufnahmen fetischisiert werden. Das True-Crime-Genre macht fast mantrahaft klar, was alte Medien eigentlich sind: Spuren, die auf Verbrechen verweisen. Dokumentationen wie "Amanda Knox", "The Disappearance of Madeleine McCann" oder "Trial by Media" machen diese Anklage explizit: Geradezu angeekelt zeigen sie eine sensationsgierige klassische Presse, die die Wahrheit bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt.

Biedere Unterschiede wie den zwischen wahr und falsch überlässt man gern den Nutzern

Ähnlich hart trifft es aber auch Facebook, über das es mit "The Great Hack" und "The Social Dilemma" gleich zwei Netflix-Dokus mit vernichtendem Urteil gibt. Man kann die Vorwürfe im Einzelnen diskutieren und eine ganze Reihe davon berechtigt finden. So selbstlos aufklärerisch, wie sie erscheinen sollen, sind sie aber keinesfalls. Unterm Strich bleibt immer auch eine harte Abgrenzung vom schlechten Rest der Medien-Welt.

Dazu kommt, dass sich Netflix oft eine ganze Serie lang Zeit nimmt, alle Fährten eines Ereignisses zu verfolgen. Die Zuschauer werden erst hierhin und dann dorthin mitgenommen, lernen den einen, die andere, deren Schwester und ihren Liebhaber kennen, hören die blaue, grüne und die gelb gestreifte Version der Geschichte, werden auch mal irregeführt, treffen auf tote Enden und ungelöste Rätsel.

Diese Komplexität macht sogar aus blankem Trash wie "Tiger King" bildungsbürgerkompatiblen Meta-Trash. Die Zuschauer werden zu Detektiven, dürfen sich ernst genommen und ambiguitätstolerant fühlen. Sie können Freiheit aushalten und brauchen keinen, der ihnen sagt, was sie zu denken haben: Keine Regeln!

Gleichzeitig steigert die häufige Abwesenheit einer erklärenden Stimme oder einer ordnenden Hauptfigur die Sucht und das Dranbleiben-Wollen. Netflix-Dokus enden oft unbefriedigend. Das ist ein Element aus der Seriendramaturgie. Außerdem ist es ein wichtiger Bestandteil der Internetkultur: Biedere Unterschiede wie den zwischen wahr und falsch oder Gut und Böse überlässt auch Netflix am liebsten den Nutzern oder irgendwelchen Dritten. So wurden in Netflix-Dokus wiederholt wissenschaftlicher Unfug und Verschwörungserzählungen verbreitet. Wichtiger als die Wahrheit ist sowieso die Story. True Crime holt die Zuschauer da ab, wo sie bei Serien wie "House of Cards" bereits waren: Es gibt tolle Vorspänne und aufwendig nachgestellte Szenen, Mord, Mystery und Suspense, Ermittler, Zeugen und Spuren, Drohnenflüge und Cliffhanger.

Besonders auffällig ist die Formelhaftigkeit bei Food-Dokus. Essen an sich ist ja eher nicht so aufregend - es sei denn, man mischt es mit Verbrechen, Drogen oder Drama. Die wichtigste Zutat sind darum Geschichten: Jedes Gericht wird so lange mit irgendeiner Region, Familie, Ethnie oder einem persönlichen Schicksal verknetet, bis sogar aus einem schnöden Bissen kurz vorm Verdauungstrakt eine philosophische Metapher für das Leben und aus einem Typ mit Kochlöffel ein Botschafter des Seins geworden ist.

Zuerst ist Netflix allerdings eine Plattform, streng ökonomisch heißt das: ein Marktplatz, auf dem verschiedene Angebote um Aufmerksamkeit werben. Zwar trifft der Algorithmus eine individuelle Vorauswahl, trotzdem kommt der heikelste Moment jeder "Kundenreise" immer dann, wenn nicht mehr klar ist, was als Nächstes geguckt werden soll. Das erklärt die Tendenz zur Serie. Und es erklärt, warum Filmemacher berichten, dass Netflix bei der Abnahme in erster Linie auf "Key Visuals" achtet, also auf die Trailer und Teaser, die Abonnenten zu den Angeboten des Dienstes verführen sollen. "Tiger King" präsentiert hier zum Beispiel eine unwiderstehliche Mischung aus süßen Tierbabys, Freak-Show, Sex, Explosionen, Raubkatzen, Luftballons, Drogen, Polygamie und Auftragsmord; "Rohwedder" verspricht Killer, Kommunismus, Vintage-Politiker, Todesspritzen, die RAF, Explosionen, Stasi, Kapitalismuskritik und Deep-State-Geraune.

Die Bild-Zeitung ist öde gegen das, was Netflix zu bieten hat. Das ist zwar nicht immer wahr, aber aufregend - also mit algorithmischer Präzision auf unsere Belohnungszentren zugeschnitten.

Mit anderen Worten: Letztlich ist nicht die zugrunde liegende Ideologie, sondern bloß das Geschäftsmodell von Netflix ungefährlicher als das von Facebook. Im Großen und Ganzen verhalten sich die beiden Plattformen zueinander wie Trump zu Biden: Der eine ist offensichtlich nicht gut für die Welt. Und der andere? Na ja, drücken wir mal die Daumen.

© SZ vom 19.10.2020/cag
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