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Streaming-Filmpremiere "Bis zum Untergang":Aufs Schlimmste eingestellt

Jusqu'au Declin

Der wehrhafte Einsiedler Alain (Réal Bossé, Mitte) hat eine Gruppe Prepper in seinem Trainingscamp versammelt.

(Foto: Bertrand Calmeau/Netflix)
  • Die frankokanadische Netflix-Produktion "Bis zum Untergang" handelt von einer Gruppe sogenannter "Prepper".
  • In der zweiten Hälfte verwandelt sich der Film in eine actionreiche Verfolgungsjagd durch die Winterwälder.
  • "Bis zum Untergang" ist ein gutes Lehrstück für weniger Panikmache.

Von Annett Scheffel

Antoine will vorbereitet sein. Auf die Katastrophe. Nachts holte er seine kleine Tochter aus dem Bett: "Such deine Sachen zusammen. Beeil dich. Wir müssen los." Mit Kopflampen und Rucksäcken hastet die Familie zum Auto und flieht aus der Stadt. Es bleibt gerade noch Zeit, auch die Schildkröte der Tochter mitzunehmen. Am Ende der Aktion schaut Antoine auf seine Stoppuhr: "Sehr gut, 17 Minuten, 53 Sekunden. Zwei Minuten weniger als beim letzten Mal." Alles nur eine Übung.

Antoine gehört zu einer Menschengruppe, die sich Prepper nennen, nach dem englischen Verb "to prepare". Im Ernstfall will er einen Plan haben. Welcher Ernstfall das genau sein wird, ist egal. Irgendwas wird sicher bald gehörig schiefgehen auf der Welt. Deswegen schaut er sich lieber jetzt schon in Video-Tutorials an, wie man Reis in luftdichten 20-Kilo-Säcken haltbar macht. Guillaume Laurin spielt Antoine als vorsichtigen Mann mit stets aufrechter Haltung, hinter dessen weichen Gesichtszügen eine diffuse Angst zu lauern scheint. "Mit der Ruhe, die im Moment herrscht, wird es schnell vorbei sein", sagt der Mann in dem Video. Aber es ist fast so, als hörten wir die Stimme in Antoines Kopf.

Ein Refugium in den Bergen von Québec, mit Sprengfallen und Solarpanels

Als Zuschauer sieht man diesem besorgten Vater angesichts der aktuellen Situation mit einer unheimlichen Faszination zu. Auch wenn eine Pandemie in Patrice Lalibertés Thriller "Bis zum Untergang" nur als eine von vielen Eventualitäten (Wirtschaftskrise, Regierungssturz, Atomkatastrophe, Klimaflüchtlinge) auftaucht: Die erste frankokanadische Netflix-Produktion hat in diesen Tagen einen eigentümlichen Beigeschmack. Sie erzählt von Menschen, die sich mit dem, was in den letzten Wochen als unvorhersehbares Bedrohungsszenario in unsere Realität gedrungen ist, permanent und ausführlich beschäftigen. Was hier allerdings nicht verhindert, dass - zwischen all den penibel geplanten Vorsichtsmaßnahmen - doch so einiges außer Kontrolle gerät.

Denn Antoine bricht bald zu einem Überlebenstrainingscamp auf, das von jenem Mann veranstaltet wird, dessen Video-Tutorials er so gerne schaut: In den abgelegene, verschneiten Bergen von Québec hat sich der enigmatische Selbstversorger Alain ein mit Sprengfallen und Solarpanels ausgestattetes Refugium eingerichtet, in dem er Workshops abhält. Alle sechs Teilnehmer haben dafür ihre Handys abgegeben und sich mit verbundenen Augen auf einem Schneemobil herfahren lassen. Und so nimmt dieses bizarre Feriencamp zwischen Lauf- und Schießtraining, Gewächshausbepflanzung und Mangold-Gurken-Rezepten seinen Lauf. "Si ça explose ... wenn es knallt", dieser Nebensatz fällt auffällig oft, wenn die Truppe abends am Lagerfeuer über den Ernstfall diskutiert, auf den sie sich vorbereiten. Dabei meinen alle etwas anderes. Antoine will seine Familie beschützen, Hélène hat Angst vor schmelzenden Gletschern, David ist eher der Verschwörungstheoretiker mit paramilitärischen Neigungen. Und der alte Alain, der diese Gruppe "aufgeklärter Bürger" an seinem Tisch versammelt hat, ist ein Einsiedler, der um jeden Preis seine 200 Hektar Land verteidigen will. Oder wie er das formuliert: "Wenn 500 Immigranten mit Macheten einfallen, dann kommst du mit Waffen nicht weit. Du brauchst eine gut platzierte Falle, die zwanzig auf einmal erwischt."

Die Sache eskaliert, die Prepper müssen jetzt vor allem die anderen Prepper überleben

Ironischerweise liegt das gefürchtete Chaos näher als gedacht, denn kurz danach kündigt eine große Blutlache im weißen Schnee eine dramatische Wendung an. Ein blöder Unfall beim Bombenbauen. Niemand hat Schuld. Trotzdem eskaliert die Situation in der Gruppe schnell: Ruft man die Polizei oder lieber nicht? Plötzlich geht es um Menschen, die ungewollt eine echte Extremsituation herbeigeführt haben, weil sie sich mit allen Mitteln auf eine mögliche Extremsituation vorbereiten wollten.

"Bis zum Untergang" verwandelt sich in der zweiten Hälfte in eine actionreiche Verfolgungsjagd durch die Winterwälder - die Prepper müssen sich von nun an vor allem gegenseitig überleben. Ein Szenario, für das sie zwar trainiert haben, auf das sie so aber doch nicht vorbereitet waren. Der Regisseur Patrice Laliberté inszeniert das als klassischen, aber sehr effektiven Überlebensthriller, von der Stimmung her irgendwo zwischen "The Grey - Unter Wölfen" und "Wind River", der glaubwürdig bleibt, mit Perspektivwechseln überrascht und auch den kanadischen Originalschauplätzen ihren großen Auftritt lässt. Ein bisschen schade ist nur, dass mit dieser eigentlich angenehmen Gradlinigkeit auch die Qualität des Films als prä-apokalyptische Gesellschaftsstudie verblasst. Sobald es ums blanke Überleben geht, treten die sozialen und politischen Untertöne in den Hintergrund.

Deshalb fragt man sich beim Zuschauen immer mal wieder, ob die Macher aus der finsteren Prämisse des Films nicht vielleicht besser eine schwarze Komödie gemacht hätten. Andererseits ist die Antwort des Films auf die verstörende Gegenwart zwar banal und bitter, aber auch absolut einleuchtend: Die größte Gefahr von allen? Das sind wir immer noch selbst. In diesem Sinne ist "Bis zum Untergang" ein gutes Lehrstück für weniger Panikmache. Und mit Blick auf unsere derzeitige Lage auch irgendwie tröstend: Es könnte alles viel schlimmer sein als ein paar leere Supermarktregale.

Jusqu'au Déclin, Kanada 2020 - Regie: Patrice Laliberté. Buch: Nicolas Krief, Laliberté, Charles Dionne. Kamera: Christophe Dalpé. Schnitt: Arthur Tarnowski. Mit: Guillaume Laurin, Marie-Evelyne Lessard, Réal Bossé. Auf Netflix, 83 Minuten.

© SZ vom 17.04.2020

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