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"365 Tage" auf Netflix:Ganz schlechter Sex

"365 Days"

Michele Morrone als Mafiaboss Massimo in "365 Days".

(Foto: Netflix)

Der Erotik-Thriller "365 Tage" wird heftig kritisiert, weil darin Entführung und Vergewaltigung verharmlost werden. Auch filmisch ist er grottenschlecht.

Von Susan Vahabzadeh

"365 Tage" ist Netflix zufolge seit einigen Wochen einer der meist gesehenen Filme des Streaming-Dienstes. Richtig viel Aufmerksamkeit erregte der polnische Erotik-Thriller von Barbara Białowąs und Tomasz Mandes allerdings erst, als auf change.org eine Petition gegen ihn gestartet wurde, und in der vergangenen Woche die britische Sängerin Duffy schriftlich Beschwerde bei Netflix einlegte. "Es macht mich traurig", schrieb sie, "dass Netflix solchem 'Kino' eine Plattform bietet, das Entführung erotisiert und sexuelle Gewalt und Menschenhandel zu einem Film verzerrt, der 'sexy' sein soll." Der Film sei weder ihre Vorstellung von Unterhaltung, noch solle er die von anderen sein. Duffy selbst ist Opfer von Entführung und Vergewaltigung. Bei Netflix wurde beschlossen, den Film im Programm zu belassen. Eine Eigenproduktion ist "365 Tage" nicht, er ist zuvor schon in Polen und in Großbritannien im Kino gelaufen.

Der Vorwurf, dass der Film sexuelle Gewalt glorifiziere, ist nicht von der Hand zu weisen - auch wenn der Sex dann einvernehmlich bleibt. Nebenbei glorifiziert "365 Tage" aber auch noch die Mafia. Nach Lesart von Barbara Białowąs und Tomasz Mandes offenbar der einzige Hüter der öffentlichen Ordnung auf Sizilien, das den Hintergrund bildet für eine Aneinanderreihung von Sexszenen, lose mit einer hanebüchenen Handlung verbunden. Ob man den Film deswegen gleich im Giftschrank verstecken sollte? Darüber kann man streiten, eigentlich sollte jedem, der "365 Tage" sieht, auffallen, dass diese Figuren von keiner Ähnlichkeit mit beseelten Menschen getrübt sind. Darüber, ob irgendetwas davon erotisch wirkt, kann man allerdings auch streiten.

"365 Tage" basiert auf einem Roman von Blanka Lipińska, und weil sie noch mehr geschrieben hat, wurde inzwischen ein Sequel angedroht. Eigentlich lautet die Synopsis tatsächlich so: Nichtsahnende Polin wird bei Sizilien-Urlaub von mordlüsternem Mafia-Boss entführt und fortan gefangen gehalten, damit sie sich endlich in ihn verliebt, was maximal 365 Tage dauern soll, obwohl unter diesen Umständen die Ewigkeit nicht reichen würde.

"Fifty Shades of Grey" lässt schön grüßen, die Mechanik ist eindeutig dieselbe

Diese schwer verdauliche Kost wurde mit künstlichen Aromastoffen und sehr viel Sahnecreme aufgepolstert. Massimo ist kein gewöhnlicher mordlüsterner Mafioso, nein, er ist sozusagen der Waisenretter unter den Mafiosi, der ausschließlich Kinderhändler und Vergewaltiger meuchelt, in den Katakomben seiner Villa am Meer. Der Designeranzug nimmt dabei gar keinen Schaden. Massimo sieht außerdem aus wie ein Typ auf dem Cover von Men's Health; Lauras Freund Martin hingegen ist ein schweinsäugiger Egoist, der sie an ihrem Geburtstag hat sitzen lassen und betrügt. Außerdem hat Massimo ja gleich am Anfang gesagt, dass er nichts gegen ihren Willen unternehmen wird - darüber, dass er sie verschleppt hat, ihre Familie bedroht, sie ankettet und ihr vorschreibt, was sie anziehen soll, muss man bei einem solch unwiderstehlichen Kerl doch hinwegsehen, zumal so ein Mafiaboss ja sehr vermögend ist und seiner Angebeteten jeden Wunsch erfüllen kann.

"Fifty Shades of Grey" lässt schön grüßen. Das ist eindeutig die Vorlage, die Mechanik dieselbe: "365 Tage" ist nicht einfach eine Unterwerfungsfantasie, sondern es wird ein unwahrscheinlicher Retter erträumt, der alle Probleme verschwinden lassen kann, jede finanzielle Sorge, jede schwierige Entscheidung. Sogar sein eigenes Fluggerät hat Massimo, wie Christian Grey. Auch ansonsten ist vieles, inklusive der Fesselspielchen und der Kleiderdebatten, einfach ein Abklatsch.

Allerdings ist "365 Tage" so hölzern, dabei stets untermalt von einem gleichförmigen Popschleim, dass im Vergleich sogar "Fifty Shades of Grey", selbst eine Laien-Schmonzette, noch recht professionell wirkt. Außerdem gibt es dort immerhin keine Entführung, und Christian Grey ist weder Mörder noch sonst kriminell. Also vielleicht doch lieber das Original. Wahrscheinlich sind die beiden "365 Tage"- Hauptdarsteller, Michele Morrone und Anna-Maria Sieklucka, trotz allem die nächsten weitgehend talentfreien Stars. Eine Fortsetzung hat Morrone jedenfalls schon angekündigt - es gibt noch unverfilmte Romanfortsetzungen.

365 Days ist auf Netflix abrufbar.

© SZ vom 13.07.2020/cag

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