Ihre Mutter, eine europäische Aristokratin, hatte ihr Geld am Spieltisch verloren, da war nichts mehr übrig für eine höhere Bildung der Tochter. Daher beschloss Nermin Suley, so hieß sie damals noch, mit 15 Jahren allein von Budapest nach Istanbul zu reisen, 1936, im Orientexpress, weil sie gehört hatte, dass in der jungen Republik von Kemal Atatürk Frauen studieren dürften. So begann eine der außergewöhnlichsten türkischen Akademikerkarrieren. Am Samstag wird die am 18. September 1921 in Wien geborene Politikprofessorin, Frauen- und Migrationsforschern Nermin Abadan-Unat 100 Jahre alt, in Istanbul, wo sie immer noch lebt, hochgeehrt und verehrt von einer unübersehbaren Schar von einstigen Studentinnen und Studenten.
Wenn sie Deutsch spricht, lässt eine feine Schwingung der Stimme die Herkunft aus Wien ahnen, wo ihre Eltern nach dem Ersten Weltkrieg heirateten. Ihr Vater, ein osmanischer Geschäftsmann, handelte mit Rosinen, Feigen, Haselnüssen. Sie ist fünf, da zieht die Familie erstmals nach Istanbul. Man lebt mondän, spricht bei Tisch Französisch. In ihrer Autobiografie "Memoiren einer türkischen Akademikerin" klagt sie über den Snobismus der feinen Kreise im ausgehenden Osmanischen Reich. Mit dem Luxus ist es vorbei, als der Vater plötzlich stirbt, und die Mutter mit Nermin nach Budapest zieht, wo sie Verwandte hat. Dort erlebt die Jugendliche, solange sie noch zur Schule gehen kann, Lehrer, die sich bereits vom Nationalsozialismus anstecken ließen, die von "arischer Rasse" faseln. Ihre Mutter wird Nermin Abadan-Unat nach der Abreise aus Budapest nie mehr wiedersehen, sie stirbt während des Zweiten Weltkriegs, ihr Grab ist unbekannt.
Für die 15-Jährige beginnt nach dem verwegenen Aufbruch im Orientexpress ein neues Leben in einem Land, dessen Sprache sie erst lernen muss. Von Anfang an muss sie Geld verdienen, weil ihre türkischen Verwandten sie kaum unterstützen. Aber Bildung ist in der neuen Republik kostenlos, die Migrantin studiert erst Jura, dann Politik, arbeitet als Journalistin, wird Professorin, leitet als erste Direktorin eine Medienhochschule in Ankara.
Sie ist die Erste, die in Deutschland die Folgen des Gastarbeiterabkommens mit der Türkei erforscht
Nachdem Deutschland und die Türkei 1961 das Gastarbeiterabkommen schließen, schickt die türkische Regierung die Forscherin 1963 nach Deutschland. Sie soll herausfinden, wie es ihren Landsleuten geht. Sie reist von Betrieb zu Betrieb, besucht Wohnheime und Werkskantinen, und stellt fest, dass viele Türken unterernährt sind, "weil sie sich fast nur von selbstgekochten Makkaroni ernährten". Der Grund: Die Türken fürchteten, in den Kantinen könnte ihnen Schweinefleisch vorgesetzt werden. Sie regt dann an, einen türkischen Arbeiter neben einen Kessel ohne Schweinefleisch zu stellen und ihn servieren zu lassen. Es funktioniert, und sie staunt, wie gering auf beiden Seiten die Kenntnisse der jeweils anderen Kultur sind. Als sie nach Ankara zurückkommt, will niemand etwas von ihrer Studie wissen, die verschwindet in einer Schublade. "Die Türkei interessierte sich damals vor allem für die Devisen, die die Arbeiterinnen und Arbeiter nach Hause schickten, und die BRD brauchte Arbeitskräfte", so sagte Nermin Abadan-Unat später, als sie das Desinteresse erklären sollte.
Nicht besser erging es ihr, als sie Anfang der 1970er Jahre als Gastprofessorin an der Münchner Universität ein Seminar zur Migration vorschlug. Man fand das Thema akademisch unbedeutend und verlangte von der türkischen Expertin ein anderes. Im Nachhinein kann man über diese Ignoranz nur staunen. Nermin Abadan-Unat hat nie aufgehört zu forschen. Bei einem Treffen mit der SZ sagte sie im November 2020 in Istanbul: "Man muss immer arbeiten, darf nie aufgeben." Sie saß bei dem Gespräch in einem Istanbul Café bei Tee und Gebäck, ihren kleinen Hund Toto auf dem Schoß. Hunde waren in dem Café verboten, aber der kleinen weißhaarigen Frau konnte der Kellner nichts abschlagen. Toto hieß auch der Hund ihrer geliebten Halbschwester Martha, die in Budapest blieb und sich später im kommunistischen Ungarn das Leben nahm.
Nermin Abadan-Unat war zwei Mal verheiratet, jeweils mit einem Politikprofessor, sie hat beide überlebt. Ihren Sohn, sagt sie, habe sie zum "Weltbürger" erzogen, er ist Architekt, in den USA. Nun ist sie zwei Jahre älter als die Türkische Republik, in der seit fast 20 Jahren ein Mann regiert, der die Autonomie der Hochschulen und der Justiz immer wieder ignoriert. Fragt man die Frau, die der Türkei ihre akademische Karriere verdankt, was sie der Republik zu deren 100. Geburtstag 2023 wünscht, dann sagt sie, ohne eine Sekunde zu zögern: "Demokratie, Menschenrechte, Säkularismus."
