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"Feindbild werden":Kunstglaube und Fäkalien für die Mitte

Künstlerempfang des Erzbistums München und Freising, Podiumsdiskussion 'Kirche und Kunst - im Spannungsfeld von Mäzenatentum und Auftragskunst'

Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich.

(Foto: Florian Peljak)

Nachdem er auf Motive rechten Denkens bei Neo Rauch hinwies, wurde der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich als "Anbräuner" geschmäht. Weil er nicht Feindbild bleiben will, hat er ein Buch über die Debatte geschrieben.

Von Kito Nedo

Für gewöhnlich beginnen kunsttheoretische Bücher anders als Kriminalromane. Doch die Einstiegsszene von "Feindbild werden", dem neuen Buch des Kunsthistorikers Wolfgang Ullrich liest sich wie der Anfang einer surrealen Detektivgeschichte. An einem Montagmorgen erreicht den Autor ein dringender Anruf aus der Redaktion des Wochenblatts Die Zeit. Dort hatte Ullrich kurz zuvor einen Artikel über politische Diskursverschiebungen in der Bildenden Kunst veröffentlicht und unter anderem auch beim Leipziger Maler Neo Rauch in Bezug auf dessen Interview-Äußerungen "einige Motive rechten Denkens" diagnostiziert.

Statt eines Leserbriefs, so wird Ullrich telefonisch mitgeteilt, habe der Maler das Foto eines Gemäldes geschickt: "Man beschrieb es mir als eine Art Karikatur, die einen Mann zeige, der mit seinen Exkrementen male. Dieser Mann sei offenbar ich. So sei die von ihm mit dem Hitlerkopf und einem Hitlergruß beschmierte Leinwand mit den Initialen ,W.' und ,U.' signiert. Innerhalb der Redaktion sei umstritten, ob man Rauchs Bild veröffentlichen solle, daher wolle man auch meine Meinung hören."

Wie die Geschichte weiterging ist dem Feuilletonpublikum bekannt. Die Reproduktion des Gemäldes mit dem bei Ernst Jünger entliehenen Titel "Der Anbräuner" wurde kurz darauf abgedruckt und sorgte für einen mittleren Skandal. Seither fällt mitunter auch der Name Neo Rauch, wenn über die Kontroversen um rechtsdriftende Künstler wie Monika Maron oder Uwe Tellkamp berichtet wird.

Rauchs zunächst unkommentierte Bild-Antwort auf Ullrichs Essay mutet vieldeutig an. In seinem verwirrenden Gehalt an Subtexten ist "Der Anbräuner" vielleicht am ehesten jenem berühmt-berüchtigten Parka mit der Aufschrift "I really don't care. Do you?" vergleichbar, den Melania Trump einst beim Besuch eines texanischen Aufnahmezentrums für undokumentierte Kinder an der Grenze zu Mexiko zur Schau stellte. Es ist provokativ und liefert Gelegenheit für jede Menge Spekulationen und Lesarten.

In der Vorbemerkung erklärt Ullrich, warum er das Buch über Rauchs Schmähbild geschrieben hat: "Weil ich zum Feindbild geworden bin, will ich es nicht bleiben." In elf kurzen Kapiteln umkreist er das auf ihn gerichtete Bild und seine verschiedenen Lesarten auf höchst analytische Weise. Im Original selbst hat der Kunstkritiker das Gemälde übrigens nie zu sehen bekommen, da es bislang nicht öffentlich ausgestellt war. Stattdessen ließ Neo Rauch sein mit 150 mal 120 Zentimeter relativ großformatiges Werk kurz nach seiner Produktion auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung versteigern.

Doppelschau-Retrospektive über Neo Rauch

Der Leipziger Maler Neo Rauch schimpft gern auf "gendersensible Bücklinge".

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Wird der "Anbräuner" dereinst, wie vom FDP-Vorsitzenden Christian Lindner prophezeit, in Schulbüchern abgebildet sein? Man darf das bezweifeln. Warum reagiert ein etablierter und international extrem erfolgreicher Maler, der in Interviews auch gerne lautstark gegen "gendersensible Bücklinge" austeilt, mit einem Fäkalien-Bild auf Kritik? Was steckt dahinter?

Ullrich schreibt, er habe unterschätzt, wie stark Neo Rauch sich selbst "inmitten eines Ost-West-Konflikts sieht, der seit 1990 nicht nur nicht überwunden wurde, sondern dessen Ausmaß und Schärfe in den letzten Jahren sogar erheblich gewachsen sind". Im Rückgriff auf den Kultursoziologen Andreas Reckwitz könne man heute von einem "Kulturkampf" zwischen essenzialistisch (Ost) und pluralistisch (West) gepolten Überzeugungen im Kulturfeld sprechen. Und der Autor liefert auch gleich selbst einen Hinweis darauf, warum eine Entspannung an dieser Konfliktlinie weiterhin wohl eher nicht zu erwarten ist. Im Unterschied zum Westen sieht er in Ostdeutschland ein anderes Kunstverständnis, eine stärkere Kunstgläubigkeit wirken. Er erklärt diese Beobachtung damit, dass dort eben "keine Postmoderne" stattgefunden habe.

Anders als im Osten, so Ullrich, habe man sich im Westen in den Achtzigern angewöhnt, "mit Vielfalt und Hierarchiefreiheit umzugehen und es zu schätzen, dass man jede These, jede Rangfolge, alles vermeintlich Alternativlose konterkarieren konnte, indem man einen anderen Standpunkt ins Spiel brachte". Man stolpert bei der Lektüre über diese Stelle, denn so ähnlich ließen sich eben auch späte ostdeutsche Graswurzel-Erfahrungen beschreiben, die schließlich in die friedliche Revolution von 1989 mündeten.

Wie wird der politisierte Kulturkampf weitergehen?

Mit "Feindbild werden" liefert Ullrich einen nachdenklichen Beitrag zu einer Debatte, die als "Ost-West-Konflikt" doch nur schwer fassbar wirkt. Wie nützlich können solche Kategorien im Jahr 2020, dreißig Jahre nach der Vereinigung schon noch sein? Sozioökonomisch erscheinen sie jedoch weiterhin nützlich, denn wie in vielen anderen Gebieten sind auch im Kulturbereich Ostdeutsche in Leitungspositionen unterrepräsentiert. Und das hat weitreichende Folgen. "Doch", so Ullrich, "da auch in ostdeutschen Museen viele Führungskräfte nach wie vor aus dem Westen stammen, kommt bei Ankäufen und Hängungen Kunst aus der Zeit der DDR immer noch oft zu kurz."

Zu welchen Verbitterungen das führen kann, belegt Ullrich beispielhaft in einem kurzen Exkurs über die heftigen Diskussionen um die Neupräsentation der ständigen Ausstellung der Galerie Neuer Meister im Dresdner Albertinum 2017. Einer der Vorwürfe an die aus dem Westen stammende Museumsleitung lautete, sie würde zu wenig Interesse für die lokale Kunstentwicklung aufbringen und versuche gar, die Kunstgeschichte einem westlichen Blickregime unterzuordnen.

Provinzialismus ist keine typisch ostdeutsche Spezialität. Doch die tückische Macht lokalpatriotischer Empfindsamkeiten ist in der Gegenwart gewachsen. Werden sie nicht ausreichend gewürdigt, können sich Verschwörungserzählungen breitmachen, und die politische Rechte kann versuchen, politisches Kapital aus der Situation zu schlagen.

Die Situation wirkt verfahren. Seit ein paar Jahren zieht sich ein mehr oder weniger unsichtbarer Graben durch die Kulturszene. Manifest wurde er beispielsweise, als sich vor zwei Jahren die Autoren Uwe Tellkamp und Durs Grünbein im Dresdner Kulturpalast zu einem Streitgespräch über die Grenzen der Meinungsfreiheit trafen. Noch heute fällt es schwer, sich das Video in ganzer Länge auf Youtube anzuschauen, weil Tellkamp für seine kruden Reden viel Applaus erhielt und weil die beiden Diskutanten einfach keinen gemeinsamen Gesprächsfaden finden.

Was wird wohl die Lösung sein? Wird sich die Kultur mittelfristig spalten? So wie es länger schon rechte Zeitschriften und Verlage gibt, könnte es analog dazu, so spekuliert Ullrich, demnächst auch rechte Kunstvereine und Galerien geben: "Ihre Programme und ihr Verständnis von Kunst stünden dann in erklärtem Kontrast zu den globalisierungsorientierten und an der Sichtbarkeit von Minderheiten interessierten Projekten derer, die im heutigen Kunstbetrieb weithin die Richtung vorgeben und die ein idealistisch-autonomes Verständnis von Kunst infrage stellen. Der Kulturkampf würde sich, nachdem er schon politisiert wurde, also auch noch institutionalisieren."

Ein anderes Szenario erscheint jedoch wahrscheinlicher. Viel befriedigender ist es für das rechtsintellektuelle Milieu womöglich doch, seine Themen von den Rändern hinein in die Medien und Institutionen der bürgerlichen Mitte zu tragen.

Wolfgang Ullrich: Feindbild werden. Ein Bericht. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2020, 160 Seiten, 10 Euro.

© SZ/jby
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