Süddeutsche Zeitung

Nelly Furtado über Ruhm:"Natürlich steckt Ehrgeiz in mir"

Lesezeit: 8 min

Die Popsängerin Nelly Furtado spricht über die Wurzeln ihrer Kreativität und den Nachhilfekurs in Sexiness.

Dirk Peitz

Ein schwüler Nachmittag in Miami Beach, die Stadt wirkt seltsam menschenleer. Obwohl gerade Nebensaison ist, bleibt unverkennbar: Florida leidet unter der Krise, die Leute bleiben weg, im Pool der gerade eröffneten mächtigen Dependance des Designhotels "W" schwimmen bloß tote Palmenblätter. Oben, in der achten Etage, sitzt Nelly Furtado auf dem Balkon ihrer Ecksuite und schaut aufs Meer. Furtado ist noch kleiner, ihre Zähne sind noch weißer gebleacht als erwartet, aber die größte Überraschung ist ihr Lachen: ziemlich laut und ziemlich gackerig. Andere Popstars hätten sich das längst abgewöhnt. Das macht es erst recht bemerkenswert.

SZ: Frau Furtado, Ihre Plattenfirma teilt mit, Ihr neues Album handelt von Liebe und Alltag.

Nelly Furtado: Klingt merkwürdig, nicht?

SZ: Gar nicht. Worüber wollen wir also zuerst reden, Liebe oder Alltag?

Furtado: Wenn ich mich nur zwischen diesen zwei Dingen entscheiden darf, dann natürlich: Alltag. Aber sind Sie sich sicher, dass der so spannend ist?

SZ: Sonst hätten Sie doch keine halbe Platte damit vollgesungen, oder?

Furtado: Und zwar auf Spanisch. Portugiesisch ist die Sprache meiner Eltern, Englisch die meines Heimatlandes Kanada, Spanisch also eigentlich meine erste Fremdsprache. Ich habe in den letzten Jahren nur Songs auf Englisch geschrieben, aber irgendwann kam ich nicht weiter: Ich konnte gewisse Gefühle nicht ausdrücken. Was folgte, war eine Schreibblockade. Ein Ausweg erschien mir, es in einer anderen Sprache zu probieren. Schon vor drei Jahren, zu der Zeit meines letzten Albums "Loose", hatte ich angefangen, mal auf Spanisch zu singen. Als ich das dann ernsthaft anging, fühlte ich mich wie ein Maler, der plötzlich eine völlig neue Farbpalette zur Verfügung hat.

SZ: Was bedeutet es für Ihren Alltag, berühmt zu sein?

Furtado: Dass ich einen Haufen Hüte und Sonnenbrillen besitze. Zur Maskerade.

SZ: Sie waren 21, als Sie im Jahr 2000 gleich mit Ihrem ersten richtig eigenen Lied "I'm Like A Bird" weltweit bekannt wurden. Ein Schock?

Furtado: Zum Glück lagen schon ein paar Jahre hinter mir, in denen ich von mir behaupten konnte: Ich bin Musikerin. Oder: Ich werde Musikerin. Ruhm war nie meine Sehnsucht, Platten aufzunehmen schon. Vom Ruhm begriff ich intuitiv, dass die öffentliche Person, die ich nach "I'm Like A Bird" wurde, ein Eigenleben entwickeln würde in der Vorstellung der Menschen. Und dass man mit dieser Figur spielen konnte. Ich bekam aber auch eine Idee von dem, was es bedeutet, als Vorbild betrachtet zu werden. Es wächst einem plötzlich Verantwortung zu.

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SZ: Wo blieb der Spaß?

Furtado: Den habe ich mir erst später gegönnt, bei "Loose", da habe ich mich buchstäblich locker gemacht, ich habe zum ersten Mal alles nicht so ernst genommen. Nach den Aufnahmen habe ich trotzdem gewissenhaft ein paar Tanzbewegungen einstudiert und gelernt, bei Auftritten ein bisschen zu schauspielern. Man könnte das Weiterbildung nennen, ich könnte nun in meinen Lebenslauf schreiben: Nachhilfekurs in Sexiness bestanden.

SZ: Allerdings. Es wirkte etwas kalkuliert, wie aus dem fröhlich trällernden Mädchen von "I'm Like A Bird" ein Vamp wurde, der schlüpfrige Lieder wie "Maneater" sang. Der Riesenerfolg gab Ihnen jedoch anscheinend recht. Gibt es den in diesen Dimensionen nur noch, wenn man als Popsängerin auf sexy macht?

Furtado: Aber das war doch alles nur Theater! Ein Spiel. Das erkennen die Leute auch. Ich habe der Figur, die von mir in den Köpfen der Menschen existiert, lediglich eine verruchte Seite hinzugefügt.

SZ: Wie gefällt Ihnen die Rolle der Geschäftsfrau, die der Welt Lieder verkauft?

SZ: Könnte es sein, dass Ihnen die Erinnerung hier einen Streich spielt: Die Schönheit des einfachen Lebens, das ist doch eine Sehnsucht von Erwachsenen. Sind Sie sicher, dass Ihre Erinnerungen nicht Ihre heutige Sicht auf die Welt zeigen?

Furtado: Weiß nicht. Ich gebe zu, dass meine Suche nach Spiritualität neu ist. Aber ich glaube wirklich, dass ich so, wie ich es beschrieben habe, als Kind empfunden haben. Ich erinnere mich ganz deutlich, wie ich aus dem Flugzeug stieg und zum ersten Mal meinen Großvater sah, den Vater meiner Mutter, und welchen tiefen Eindruck er auf mich gemacht hat. Mein Großvater war ein hochrespektierter Musiker und Dirigent auf der Insel São Miguel, er komponierte traditionelle Marschmusik. Einen Monat nach unserem Besuch starb er.

SZ: Das ist traurig. Aber tröstlich, dass Sie ihn wenigstens kennenlernen durften.

Furtado: So war es. Als ich zwölf war, flogen wir wieder hin, und da gab es eine andere prägende Begebenheit, die etwas mit meinem Großvater zu tun hatte: Ich fand in einer alten Kiste von ihm Notenblätter mit unvollendeten Kompositionen, vielleicht fehlten auch einfach Blätter. Jedenfalls hatte ich danach den Traum, eines Tages zurückzukehren und diese Kompositionen zu rekonstruieren oder zu Ende zu bringen. Ich war sehr romantisch veranlagt als Kind, gerade was Musik anging, und dieser Fund, überhaupt die Azoren, weckten bei mir romantische Sehnsüchte.

SZ: Lernten Sie durch die Besuche dort etwas über Ihre Eltern?

Furtado: Mir wurde klar, was meine Mutter zurückgelassen hatte, als sie meinem Vater nach Kanada folgte. Zum Beispiel ihren Traum, Lehrerin zu werden. Als sie ihm hinterherzog, sprach sie noch kein Wort Englisch. Mein Vater ist Steinmetz, eine Familientradition, auch seine Brüder gingen irgendwann nach Kanada und wurden wie er Straßenarbeiter, die kanadische Regierung hatte nach Leuten gesucht für den Straßenbau auf Vancouver Island, wo Victoria liegt. Meine Mutter leitete später das Housekeeping in einem kleinen Motel. Meine Eltern mussten sich also wirklich durchschlagen.

SZ: Welche Rolle spielte Musik in Ihrem Elternhaus?

Furtado: Meine Mutter sang im katholischen Kirchenchor, mein Vater hat eine eher stille Liebe für die Musik. Sie nahmen mich oft mit zu Fado-Abenden der portugiesischen Einwanderergemeinde von Victoria. Häufig waren es Kirchenfeste, dann wurde im Garten der Pfarrei eine Bühne aufgebaut, darauf nahmen ein paar Gitarrenspieler Platz, dann wechselten sich die Leute ab beim Singen. Es war ein regelrechter Wettbewerb, es ging darum, wer der beste Sänger ist. Meine Mutter sang dort viel, auch mein Vater stieg manchmal auf die Bühne. Eigentlich ist er ein schüchterner Mann, aber auf der Bühne öffnet er sich.

SZ: Irgendwann stiegen Sie auch dort rauf.

Furtado: Es war am portugiesischen Nationalfeiertag, da gab es immer ein großes Fest, jedes Kind sang etwas, man lernte extra ein Lied dafür. Als ich ein wenig Ukulele spielen konnte, habe ich mich auch getraut.

SZ: Sie haben als Kind neben Ukulele auch Trombone, Klavier und Gitarre gelernt. Was hat Sie an Instrumenten fasziniert?

Furtado: Ich kann mich an keine Zeit erinnern, in der ich nicht ständig Melodien im Kopf hatte. Als Vierjährige, Fünfjährige saß ich hinten im Auto meiner Eltern und hörte Symphonien. Das Autoradio war aber nie an. Es war alles in meinem Kopf. Manchmal wünschte ich, ich könnte in der Zeit zurückreisen und die Melodien nachträglich aufschreiben. Ich wüsste gern, ob sie was taugten. Die Symphonien jedenfalls hatten nie ein Ende.

SZ: Haben die nicht irgendwann genervt?

Furtado: Im Gegenteil, ich fand sie entspannend. Musik war immer Flucht für mich. Als Kind hatte ich eine Art Zwangsstörung, eine schwache zwar, aber mir gingen immer zu viele Gedanken durch den Kopf. Wenn dort stattdessen Musik war, beruhigte ich mich. Musik wurde für mich meine eigentliche Sprache, meine Ursprache. Sie ist immer für mich da, wenn mich eine Situation überfordert oder verwirrt, wenn ich traurig bin oder feiern möchte. Musik ist ein imaginärer Traumort, an den ich immer zurückkehren kann. Musik ist wie ein alter Freund, der keine Fragen stellt.

SZ: Sie haben Musik also zunächst für sich selbst gebraucht, als Therapie. Wann haben Sie verstanden, dass sie auch ein Weg ist, mit anderen Menschen zu kommunizieren?

Furtado: Ich habe das gleich verstanden, als ich auf der Bühne stand in Victoria. Das Gefühl, an das ich mich am stärksten erinnere, ist, dass ich Freude verbreite. Es war, als ob ich jedem ein Lächeln ins Gesicht zaubere, als ob sich jeder gut fühlt, als ob meine Musik etwas bei ihnen ändert, zumindest für den Moment.

SZ: Von Einwandererkindern sagt man, sie seien häufig besonders ehrgeizig, weil ihnen das Schicksal der Eltern vor Augen steht: Die arbeiten sich meist daran ab, ihren Kindern ein besseres Leben bieten zu können. Ist das bei Ihnen auch so?

Furtado: Absolut.

SZ: Dadurch entsteht aber auch eine Erwartungsdruck, die Kinder wollen ihre Eltern nicht enttäuschen...

Furtado: Ich glaube, den Punkt habe ich mittlerweile hinter mir gelassen... Ich muss meinen Eltern nichts mehr beweisen. Aber natürlich steckt der Ehrgeiz in einem, der geht nicht weg, nur weil man etwas geschafft hat. Was außerdem bleibt, ist die Vorstellung davon, wie man durchs Leben zu gehen hat. Meine Mutter hat mir beigebracht, dass es nicht wichtig ist, womit man sein Geld verdient, sondern, wie hart man arbeitet, wie sehr man sich anstrengt.

SZ: Warum betonen die Stars eigentlich ständig, wie viel Arbeit ihr Dasein bedeutet? Schlechtes Gewissen?

Furtado: Nein, ich bin mit diesem Arbeitsethos erzogen worden. Und heute gehöre ich der ersten Generation meiner Familie an, die im Wohlstand lebt. Das ist vielleicht die wichtigste Lektion, die ich bei meinen Besuchen auf den Azoren gelernt habe: Ich habe ein Gefühl bekommen für die Einzigartigkeit meiner Chancen im Vergleich zu denen, die meine Vorfahren hatten.

SZ: Wenn Ihre Plattenfirma Sie in so eine schicke Suite wie diese hier einbucht, denken Sie manchmal daran zurück, wie Sie früher Zimmer geputzt haben in dem Motel, in dem Ihre Mutter arbeitete?

Furtado: Immer wieder. Besonders am Anfang meiner Karriere hatte ich den Gedanken: Vor kurzem habe ich noch Hotelbetten gemacht, jetzt schlaf ich selbst andauernd in welchen. Ich fühle mich manchmal heute noch wie ein Zimmermädchen, das sich in ein Zimmer gestohlen hat und heimlich Pause macht. Wenn ich heute einem Zimmermädchen begegne, unterhalte ich mich mit ihm und frage, wie es so geht, was es vorhat im Leben. Es ist gut, sich zu erinnern. Auch am Ende des Tages ist und bleibt man, was man ist.

SZ: Eben, Sie sind heute Popstar, flunkern Sie jetzt nicht ein bisschen ? In den Luxushotels, in denen Sie absteigen, bekommt man das Reinigungspersonal doch nie zu Gesicht.

Furtado: Okay, mag sein, dass ich nicht jedes Mal ein Zimmermädchen sehe. Aber wenn, dann spreche ich mit ihm.

SZ: Wenn Sie heute Ihr Hotelzimmer verlassen, ist es dann immer ordentlich?

Furtado: Ich versuche, kein größeres Chaos zu hinterlassen. Aber ich bin nicht perfekt. Man muss auch realistisch sein. So wie mein Leben heute ist, kann ich mich nicht um alles kümmern und mich nicht wegen jeder Kleinigkeit schlecht fühlen. Dafür habe ich einfach keine Zeit.

SZ: Wie gehen Sie mit den Erwartungen der Leute um, die in Ihnen in erster Linie die Berühmtheit sehen, die öffentliche Person?

Furtado: Offen gestanden, versuche ich, möglichst wenig Zeit in der Öffentlichkeit zu verbringen. Jedes Mal, wenn ich aus dem Theater herauskomme, das die Musikbranche nun mal ist, kehre ich gleich zurück nach Hause, in den Alltag. Ruhm gibt einem das Gefühl, andauernd sein eigenes Zentrum zu verlieren, also versuche ich es durch Normalität wiederzufinden. Das hilft mir. Ohne das wäre ich wohl total verloren.

SZ: Was machen Sie dann so zu Hause?

Furtado: Was halt so anfällt.

SZ: Sie putzen aber nicht als Erstes?

Furtado: Muss nicht sein. Aber es macht mir Spaß, die Schuluniform meiner Tochter zu bügeln. So zeigen wir Furtados traditionell unsere Liebe füreinander, hahaha...

SZ: Jetzt haben wir eigentlich die ganze Zeit über was anderes geredet als Alltag und Liebe. Aber zumindest haben Sie am Schluss einmal das Wort Liebe ausgesprochen.

Furtado: Hab ich irgendwas Verrücktes gesagt?

SZ: Glaube nicht.

Furtado: Dann muss ich also nicht gleich ins Internet gehen und nachschauen, was ich angerichtet habe.

Nelly Furtado ist eine der erfolgreichsten Popsängerinnen der Gegenwart. Von den drei Alben, die sie bislang veröffentlicht hat, wurden weltweit etwa 18 Millionen Exemplare verkauft. Zu den bekanntesten Hits der Dreißigjährigen zählen "I'm Like A Bird", die Fußballhymne "Força", "Maneater", "Promiscuous" und "All Good Things (Come To An End)". Ihr neues, rein spanischsprachiges Album "Mi Plan" erscheint am kommenden Freitag, 11.September. Nelly Furtado wohnt in Toronto und ist seit letztem Jahr mit dem kubanischstämmigen Tontechniker Demacio Castellón verheiratet, aus einer früheren Beziehung hat sie eine Tochter. Das Robin Hood Motel in Victoria, in dem Furtado früher als Zimmermädchen arbeitete, existiert noch immer, ein Standardzimmer kostet pro Nacht umgerechnet etwa 65 Euro.

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Quelle:
SZ vom 05.09.2009
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